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Beschleunigung und Wachstum?

Von: Johan Kegler

Bei meinem eigenen Reiseantritt in 2008 hatte ich ein bis dato nie erlebtes Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, als ich mit zwei Reisetaschen und einem Rucksack am Schiff ankam. Denn mehr war nicht nötig an Ausstattung für das kommende halbe Jahr…

„Für alles, was uns voranbringt, brauchen wir Energie. Energie ist Bewegung. Wir brauchen Beschleunigung statt Entschleunigung. Ohne Beschleunigung gibt es kein Wachstum. Und ohne Wachstum ist unsere Volkswirtschaft nicht stabil.“ Nein, das ist kein Zitat aus den 1950iger Jahren. Das ist auch keine Satire. Diese Sätze stammen aus dem Leitartikel des Wirtschaftsteils der Süddeutschen Zeitung vom 24.12.2013. Die Autorin Kathrin Werner hält es für ein schlechtes Zeichen, dass die Menschen in Berlin rechts auf der Rolltreppe stehen und nur die Eiligen auf der linken Seite gehen. „In New York“, schreibt sie, „machen das nur Touristen“, und das Verhalten der Deutschen findet sie dämlich, genauso wie unsere 24 gesetzlichen Urlaubstage. „In Asien oder Amerika ist das undenkbar.“ Beschleunigung ist nämlich überhaupt gut, nicht nur wegen des Wachstums. Weil man ja mehr Zeit hat, wenn man alles schneller macht.“ (Futur Zwei, Zukunftsalmanach 2015/16- Geschichten vom guten Umgang mit der Welt, S. 13.)

Beschleunigung und Wachstum also? OceanCollege will seinen Teilnehmern hinsichtlich dieser beiden Megathemen, die über wirklich allem schweben, Existenz- und Lebensalternativen aufzeigen.

Zugegeben: Harald Welzer ist ein Mann für die ganz grossen Themen und seine Bücher sind teilweise dicke Bretter. Aber dafür von großer Klarheit über den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft im Kontext von Vergangenheit und Zukunft. Denn irgendwie ahnt ja jeder ganz diffus: So wie jetzt kann es schon rein mathematisch nicht weitergehen. Immer mehr und größere Autos, immer mehr Wasser- und Energieverbrauch, damit einhergehend immer mehr Müllprdouktion und Umweltbelastung usw. kann bei einer wachsenden Weltbevölkerung bei gleichzeitiger größer werdenden Ressourcenknappheit irgendwann nicht mehr funktionieren.

Was aber bei Harald Welzer überaus sympathisch ist: Er kommt mit nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern macht sehr einfach klar, dass weniger Konsum auch eine unglaubliche Entlastung und damit eine Steigerung der Lebensqualität sein kann. Schliesslich braucht man nicht erst den Klimawandel als schlagendes Argument, dass weniger Autos in der Stadt eine tolle Sache sein können. Wenn er beschreibt, dass ein normaler Deutscher einen Akkuschrauber neu kauft, um ihn dann im Schnitt 13 Minuten während seiner Lebenslaufzeit zu benutzen, wird schnell klar, in welch überkommenen Denk- und Handlungsgewohnheiten wir uns befinden. Weniger ist mehr, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit im Leben, aber dafür von sehr guter Qualität, nach Möglichkeit eine gemeinsame Nutzung mit anderen, nachhaltige und ressourcenschonende Produktion…

Und hier sehen wir durchaus eine Parallele zu OceanCollege: Jeder Schüler bekommt eine genau definierte Packliste. Die richtigen, aber qualitativ hochwertigen Sachen müssen dabei sein. Wir haben keinen Platz für einen Rechner für jeden Schüler, also werden wir auch hier einige wenige, dafür aber von guter Qualität dabei haben. Die Bordbibliothek muss sorgsam sortiert sein und auch hier werden mehrere Schüler die gleichen Bücher nutzen, was einen umso sorgsameren Umgang mit diesen bedingt. Der Proviant muss genau geplant werden, mit dem Wasser muss sparsam umgegangen werden. Wir segeln mit im Schnitt 5 Knoten und bestimmen selbst, wann die Uhr vor- bzw. zurückgestellt wird. Selbstverständlich die meiste Zeit ohne jeglichen CO2 Fussabdruck. Unser Handelsprojekt wird vor allem eins brauchen: Zeit. Bis die geernteten Kaffeebohnen in Deutschland im Regal stehen, wird einiges an Aufwand und persönliche Mühe investiert worden sein. Fast unnötig zu erwähnen, dass wir bestrebt sind, auch den Kaffee mit 0% CO2 Erzeugung nach Europa zu bringen. Und die Schüler und Schülerinnen werden hoffentlich in ihrem Leben jeden Kaffee ein kleines bisschen bewusster geniessen.

All dies sind Aspekte, in denen wir OceanCollege durchaus in eine Richtung gehen bzw. fahren sehen, die Welzer postuliert: „Deshalb ist die Veränderung von Gesellschaft niemals eine theoretische Angelegenheit, sondern immer auch die einer gelebten Gegenpraxis, in der man sich selbst schon als Teil eines Veränderungsprozesses erleben kann.“ (ebd. S.36).

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