Ocean College

Reiseblog

Es war ein entspannter Tag mit erstem Landaufenthalt und einigen ungewöhnlichen Ereignissen

Autor: Tobias Bratrich

Position: Brest, Frankreich

(48° 23´ N 04° 29´ W)

Heute war die erste Nacht, in der ich mal richtig ausschlafen konnte, was daran lag, dass wir über Nacht in Brest angekommen und im Hafen die Wellen ruhiger sind. Wir haben uns hier im Hafen verkrochen, weil man das, was sich gerade auf der Biskaya zusammenbraut, wirklich nicht vor Ort erleben möchte. Stand heute werden wir diesen Sturm abwarten und uns dann am Sonntag mit einem Hoch Richtung Süden davonschummeln. Der Wachdienst ist ausgefallen, Aufstehen und Frühstück erst um acht Uhr. Danach fanden drei Stunden lang die Einzelgespräche für Mathe statt, wobei ich auf den nächsten Tag verlegt wurde und daher meine Freizeit mit Referat und Unterhalten verbracht habe. Alpha und Bravo, die ja nun nichts zu tun hatten, wurden von Michael und Regina beim Decksdienst trainiert und bekamen nochmals eine gründliche Einweisung in alle Taue und Abläufe an Deck, weil das ja später blind ablaufen können muss.

Weiter ging es mit einer Stunde Training bei Joe. Gerade auf dem Weg zur wohlverdienten Mahlzeit und während die Anderen Taue aufschießen mussten, haben wir etwa ein Dutzend tote Krebse auf Steuerbord im Wasser schwimmen gesehen, da verging der Appetit schon dem ein oder anderen. Nach einem guten Mittagessen mit Brot und Blumenkohlsuppe hat Johan noch eine Ansprache gehalten bezüglich Pünktlichkeit, Bordplan, Ordnung in den Kammern, Aufenthaltsregeln für Jungs und Mädchen in den jeweils anderen Kammern und Liebespaaren an Bord (Händchenhalten okay, Schwangerschaft überhaupt nicht mehr okay). Um 15.00 Uhr wurde ich von Kathrin zum Chemieassistenten ernannt und habe anschließend beim Schachspielen zugeschaut. Als Martin dann in die Messe kam und verkündete, dass wir in den letzten vier Tagen 9000 Liter Wasser verbraucht hätten (Tiefenrekord!), gingen auch schon die Diskussionen los. Leider ist Duschen jetzt erstmal für alle gestrichen.

Zum Abendessen gab es Chili con Carne und anschließend noch eine Laufgruppe, die „Laufgruppe Sonnenschein“ getauft wurde. Johan ging mit Lennard, Tanyel, Emil, Bastian, Ben, Lucas und mir ein Stunde rennen inkl. Kraftgymnastik und wir checkten schon mal die Strecke zum heutigen Museum aus. Und am Abend gab es wirklich den ersten Landgang und das erste Taschengeld wurde bei Sebastian abgehoben. Der Abend klang noch mit einer netten Runde Risiko, Filmschauen und Gesang aus… es sieht danach aus, dass wir mit May und Regina und ihren Gitarren das Potential zu einer echten Big Band an Bord haben.

Euer Tobias

Sehr entspannter Tag ohne Seekrankheit und mit viel Sonne.

Autor: Johan

Position: Brest, Frankreich

(48°30 N 04° 49 W)

 

Eigentlich wäre heute Lennard mit einem Tagesbericht zuständig gewesen, aber da er die Deutsche Welle pünktlich für unseren Stop in Brest bespielen muss, übernehme ich gerne den Bericht, um einen kleinen ersten Eindruck aus Sicht der Projektleitung zu geben.

Nachdem wir vorgestern nacht und gestern bis mittags richtig durchgeschüttelt wurden und zwei Drittel der Jugendlichen wirklich fertig waren, hatten wir gestern alle Einheiten neben dem Segeln ausfallen lassen, zumal wir Lehrer selbst auch bis auf Otto und Sebastian nicht so richtig einsatzfähig waren. Das können wir uns aber gönnen, da wir hintenraus bis zu den Kanaren noch genug Luft haben, um unsere Systeme einzuspielen.

So war heute soz. unser Dienstag und wir haben mit dem Programm von gestern weitergemacht. Fest verankert sind die Blöcke Mikroplastik und Coaching, die im Zweitagesrhythmus für jede Wache durchgeführt werden. Beim Mikroplastik geht es natürlich um Mikroplastik, wobei Rüdiger hier nach einer kurzen Einleitung immer schon gleich Wasserproben nimmt und mit den Schülern analysiert. Beim Coaching mit Joseph geht es vor allem auch um ein gründliches Kennenlernen, denn wir dürfen nicht vergessen, dass hier eine komplett neue Gruppe aufeinandergetroffen ist und da ist es einfach hilfreich, ein paar Regeln im Umgang mit anderen und mit sich selbst zu kennen, um den Beginn gut einzutakten.

Wir Lehrer nehmen uns jeden Teilnehmer in Einzelgesprächen beiseite und besprechen anhand der Unterlagen von zu Hause das halbe Jahr, halten die Ziele gemeinsam im Lernbuch der Schüler fest und machen uns einen Plan, wie wir die Schülerinnen und Schüler dann sinnvoll in die Klassen einteilen werden. Heute begann zudem die sog. Maschinistenausbildung bei Martin, zu der aus jeder Wache zwei Teilnehmer bestimmt wurden. Die acht Plätze waren dann auch sehr schnell voll und vor allem sollten sich auch ausdrücklich die Mädels angesprochen fühlen. Dabei lernt man bei Martin die komplette Maschine kennen, wie man einen Ölwechsel macht, wie der Generator funktioniert etc.. Aber alle anderen bekommen die Ausbildung eigentlich auch mit, weil Martin im Maschinenraum wegen der Lautstärke des Motors und der Ohrschützer aller Leute im Maschinenraum so laut schreit, dass es alle hören.

Dann haben wir die Wachen umbenannt: Wache A, Wache B, Wache C, Wache D… geht es langweiliger und deutscher? Stattdessen jetzt also auf Vorschlag von Sietse: Alpha-Watch, Bravo-Watch, Charlie-Watch und Delta-Watch. Da kommt doch gleich mehr Zug rein. Sollte ich jemals wieder Klassenlehrer an Land sein (eher unwahrscheinlich), werde ich meine Klasse auch nach dem Militär-bzw. Navycode benennen… wie cool ist das denn?!

Überhaupt mal ein Wort zur Crew: Regina, Sietse und Michael führen neben Martin je eine Wache und ich glaube sagen zu können, dass wir mit diesen dreien einen Glücksgriff getan haben. Alle drei kümmern sich sehr um die Jugendlichen, führen sie in Ruhe in alle Abläufe ein, machen Feedbackrunden und geben ein großes Gefühl der Sicherheit. Klare Ansagen, wenn etwas nicht läuft, aber so sollte es auf See auch sein. Und neben den Wachen gibt es auch noch eine Einführung ins Karten- und Pokerspiel bzw. Gesangsunterricht.

Und, wie immer, die Wichtigsten bleiben fast immer unerwähnt, deshalb hier besonders: Ich hatte ja immer betont, wie wichtig mir die Verpflegung ist, aber mit Erlin haben wir tatsächlich einen ausgebildeten Koch am Start, der den ganzen Tag in der Küche steht und mit vier Jugenlichen (einer aus jeder Wache) den Tag mit Essen bespielt. Dabei gibt es nach dem Frühstück ein eigenes Meeting mit ihm, in dem der Küchendienst dann bespricht, was an diesem Tag gekocht wird. Grundsätzlich können die Schüler bestimmen, was zubereitet wird, aber es ist auch hier gut, einen echten Profi dabei zu haben. Denn wenn das Essen nicht stimmt, muss man mit gar nichts anderem auch nur anfangen wollen. Ich meine wirklich sagen zu können, dass wir mit der Verpflegung für so viele Leute auf so kleinem Raum bei jeder Mahlzeit ein hochklassiges Essen haben und die Mengen, die da so weggehauen werden, lassen vermuten, dass es allen schmeckt. Besonders heute, wo niemand mehr seekrank war. Ausserdem gibt es immer frisches Obst und auch mal einen Schokoriegel wie heute von Martin oder ein paar Gummischlangen aus dem Paralleluniversum der Projektleiterkabine.

Heute war wirklich niemand mehr seekrank, wir hatten eine sehr ruhige See, was allen gut getan hat, auch wenn wir dabei natürlich motoren mussten. Dies allerdings in der ersten atemberaubenden Sonnenuntergang hinein. Bilder habe ich schon rausgeschickt, sollten auf der Homepage zu finden sein. Stimmung war dann bei Musik sehr entspannt, wir konnten draussen essen und wir haben die Drohne zum ersten Mal steigen lassen, weil eben kein Wind war. Leon ist hierfür aufgrund seiner Erfahrung mit der Drohne unser Pilot und war ziemlich angespannt aufgrund der Herausforderung, das Teil vom fahrenden Schiff aus zu starten und vor allem auch zu landen, weil der “Get-Home-Button” auf einem fahrenden Schiff nicht so super funktioniert, weil “Home” sich in diesem Fall ja weiterbewegt. Unter Aufbringung sämtlichen Adrenalins und Atemanhalten aller Anwesenden auf dem Achterdeck schaffte Leon aber eine super Landung und so werden wir jetzt bald die ersten Drohnenaufnahmen rausflanken, die echt toll geworden sind.

Und dann werde ich bzw. werden wir vom Projektteam morgen unsere erste Ansage machen. Ich denke wirklich, dass wir einen super Start in die ersten drei Tage hatten, genau richtig eins auf die Nase bekommen vom Ärmelkanal, heute dafür sehr ruhig und dann eben mit 34 Jugendlichen auch gleich eine sehr gelöste Stimmung. Wir hatten den Eindruck, dass alle ziemlich gut aufeinander acht geben und sich umeinander kümmern, es gab keine Cliquenbildung (ich halte es für einen riesigen Vorteil, dass nur zwei Teilnehmer von der gleichen Schule kommen!) und alle haben sich erstmal beschnuppert. Heute war dann aber doch auch etwas zu sehr Lockerheit in der Sache und deshalb werden wir morgen die Punkte Pünklichkeit, Ordnung in den Kammern, Regeln für Mädels bzw. Jungs in Mädels-bzw. Jungskammern (geht nämlich nicht) und exakte Einhaltung des gesamten Bordplans ansprechen. Das können wir morgen noch recht entspannt tun und so hoffentlich ein richtiges Gewitter später vermeiden. Und es wird auch nochmal um den Umgang zwischen Jungs und Mädchen gehen… drei kuschelnde Pärchen nach drei Tagen muss uns erstmal jemand nachmachen, aber zu mehr wird eben auch nicht kommen und das wird nochmal sehr sehr deutlich adressiert werden, wie es so schön heisst.

Johan

Leon fängt an, sich an Bord wohlzufühlen.

Autor: Leon

Position: Ärmelkanal

(50°08 N 00°56 W)

Dunkelheit schwappte durch den Flur und machte sich leise glucksend in den Köpfen der Schläfer breit.

Gegen 23:50 wurde ich von Thorben wachgeschüttelt, denn ich hatte Wache. Leicht benommen stieg ich aus dem Bett und zog mich an. Ich musste Ölzeug anziehen, da es seit gestern stark windete und es hohe Wellen gab, die sich unter dem stark ächzenden Bug brachen. Ich durfte heute so um die zwei Stunden steuern, was mir viel Spaß machte, aber der Wind sprühte immer wieder Gischt zu uns hoch, das führte dazu, dass das Steuerrad furchtbar klebte. Mir wurden auch ein paar Instrumente erklärt, deren kleine farbige Lichter den Kartenraum nur ungenügend zu erhellen vermochten. Der Rest des Schiffes ruhte in Finsternis. Um 02:55 war es dann soweit wir wurden endlich abgelöst. Erleichtert über das Eintreffen der B-Wache ging ich in meine Kabine, zog mein extrem nasses Ölzeug aus und schlief ein.

Um 8:33 wurde ich erneut von Thorben wachgerüttelt. Frühstück. Als ich in den Aufenthaltsraum kam war ich nicht sonderlich überrascht, dass ich bloß sieben Leute beim Frühstück vorfand. Die anderen schliefen lieber oder fühlten sich so schlecht, dass sie gar nichts essen wollten. Ich persönlich freute mich, da auf dem Tisch schon ein großes Glas Nutella auf mich wartete.

Um 12:00 hatte ich erneut Wache. May schlug mich für den Watchleader dieser Wache vor. Ich muss sagen, Watchleader sein macht Spaß. Ich schmiss mit Befehlen nur so um mich, alle Viertelstunde schickte ich Matthias in den Maschinenraum und verteilte Dienste wie den „Logbucheintrag“. Ich fand es schade, das wir nicht segeln konnten, da der Wind von vorne kam und so mussten wir unter dem lauten Motor fahren. May und Tobias verscheuchten derzeit die Langeweile mit Hiphop Musik und Tanz.

Von meinem Fenster im Kartenraum konnte ich genau auf den weiten Ozean schauen. Wenn man so viel Wasser um sich herum sieht, kommt man sich scheinbar unbedeutend vor. Um 15:30 gab es die erste Standpauke von Martin, in der er sich beschwerte, dass die Toiletten verstopft waren.

16:00 Ich habe mit den anderen Kartenspiele gespielt (war sehr lustig, vor allem wenn alle Witze erzählten).

19:00 HIGHLIGHT DES TAGES: es gibt Spareribs zum Abendessen und als Nachtisch Pfannkuchen

20:20 zweite Standpauke von Martin:

Martin erklärt uns erneut, wie der Wassermacher zu funktionieren hat und veranschaulicht wieder alles an einem worst-case Szenario. Obwohl heute alles ein wenig chaotisch anfing, verlief der Tag echt schön, ich fange langsam an, alle hier an Bord liebzugewinnen, auch wenn der Seegang immer noch dem ein oder anderen den Magen umdreht.

Euer Leon