Ocean College

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Gedanklich vom Winde verweht

Autorin: Elena
Position: St. Georg, Bermuda Islands
(31° 36,8 N 66° 50,3W)

Wie schön es doch ist, wenn man die Nacht durchschlafen kann! Ich als Alpha-1-Wache weiß das mehr als alles andere hier an Bord zu schätzen. Johan zeigte sich sogar gnädig und ließ uns eine Stunde länger schlafen – es gab erst um 09:00 Uhr Frühstück. Um 10:00 Uhr sollten wir jedoch alle von Bord gehen, da heute die mündlichen Englisch-MSA-Prüfungen anstanden und dafür die Messe gesperrt wurde, damit vollkommene Ruhe herrscht.

Ich machte mich mit Mona, Lisa und Finn auf den Weg in das kleine Städtchen. Der Ort hier ist nicht sonderlich groß, aber dafür sehr süß: Viele kleine, in hellen Farben angestrichene Häuser mit weißen Dächern. Ein paar Einzelfachgeschäfte, gepflegte Straßen und alles erinnert einen an England in den Subtropen. Irgendwie wusste jedermann Bescheid, woher wir kommen und was wir hier machen.
Da wir uns etwas genauer umschauen wollten, liefen wir einfach querbeet durch die Straßen, bis wir einen kleinen Hügel hochgingen, dort eine kleine Burg fanden und letztendlich zu einem Straßenschild „to the beaches“ kamen. Mein Vorschlag, dem zu folgen, wurde ohne Widerstand angenommen.
Der Wind wurde stetig stärker, so dass man kaum noch mühelos normal gehen konnte, denn ein Sturm mit 60 Knoten wütete vor den Bermudas. Ein kleiner Weg neben der Straße führte zu einer wunderschönen Bucht mit hellblauem Meer und schwarzen Felsen, an denen die hohen Wellen brachen. Der gesamte Weg vom Schiff bis zur Bucht, einmal der Breite nach über die Insel, dauerte nur ca. 30-45 Minuten. Der Strand hieß „tobacco bay“ und hier war der Wind um einiges stärker.
Wir fanden einen Wegweiser, der die Inschrift trug „to the beatiful dead end“ und mitten in eine Felsenlandschaft zeigte. Wir kletterten ein bisschen bei den Felsen rum, wobei der starke Wind mich einige Male von meinem eigentlichen Weg ablenkte und man auch nicht vom Spritzwasser der brechenden Wellen verschont blieb. Die Aussicht war einfach paradiesisch und obwohl man mit dem Wetter zu kämpfen hatte, war es eine wundervolle Zeit mit unvergesslichen Momenten. Kurz bevor wir den Rückweg antraten, verewigte Lisa noch Ocean College in einem Felsen und Alisa und Tobi M. kamen uns entgegen.

Beim Zurückgehen hatte ich ein richtig heimeliges Gefühl im Bauch: Alles erinnerte mich an ein kleines Dorf im Allgäu, wo ich glückliche Kindertage mit meiner Familie bei meiner Oma verbrachte. Die Wiese, an der wir langgingen erschien mir wie jene Alpenwiese, auf der ich mich als kleines Kind immer hinunterrollen ließ mit meiner Schwester neben mir. Ich bekam richtig Heimweh nach diesen Momenten und realisierte – erst nach fünf Monaten – auf was ich mich hier eigentlich eingelassen hatte und das bald alles nur noch Erinnerungen in meinem Herzen sein werden. Es ist schon komisch, wie schnell man Menschen ins Herz schließen kann und wie schmerzhaft es ist, wenn man sich von diesen wieder trennen muss. Ich verdrängte diese Gedanken bis zu diesem Zeitpunkt immer und mag es mir gar nicht ausmalen, wie es nach der Reise weitergehen soll. Es bieten sich neue, wundervolle Möglichkeiten, doch für diese muss man den höchsten Preis bezahlen: Geliebte Menschen gehen lassen! Mir kommen jedes Mal fast die Tränen, wenn ich an den Abschied und das Einlaufen in Ijlmulden denken muss. Zwar sehe ich dann meine Familie wieder, doch ich muss auch meine neu gewonnene Familie aufgeben.
Ich freue mich schon auf den Augenblick, in dem ich meine geliebte Schwester in die Arme schließen kann und weiß, dass uns nichts trennen kann – auch keine sechs Monate fernab der Zivilisation.

Als wir am Frozen-Joghurt Geschäft vorbeikamen, ließen sich die anderen dort nieder, um sich mit dem Wlan in die digitale Welt zu schicken. Ich ging den Weg zurück, an den Schaufenstern vorbei, zum Hafen, wo es auch Wlan gibt und man zudem noch seine idyllische Ruhe genießen kann.
Nach einer Stunde dort, wollte ich mal auf dem Schiff nachschauen, ob es schon Mittagessen gab, doch durch die Prüfungen konnte der Küchendienst nicht rechtzeitig anfangen, weshalb die Vorbereitungen fürs Essen noch in vollem Gange waren. Zum Glück fand ich Emil, der netterweise bereit war, mir sein Handy zum Telefonieren zu leihen, da das Telefonieren über Wlan mit meinem halb kaputten Handy sehr kritisch ist. Kurz um, es funktioniert nicht wirklich. Ich begab mich zurück zum Wlan und führte ein sehr langes, schönes Gespräch mit meinen Eltern. Deshalb kam ich auch ca. 20 Minuten zu spät zum Mittagessen, was Johan gar nicht gern sah und mich erstmal für eine Erklärung abfing. Zum Essen gab es für Vegetarier Arme Ritter und Kartoffelbrei aus noch halb rohen Kartoffeln (Ich hielt es zuerst für Zwiebeln). Es machte mäßig satt.

Im direkten Anschluss ging es für die, die Lust hatten, mit dem öffentlichen Bus nach Hamilton.
Die Fahrt ging durch die wunderschöne Landschaft von Bermuda: Helltürkises Meer, kleine bunte Häuser und dazu eine subtropische Flora. In Hamilton hatten wir zweieinhalb Stunden freien Landgang. Es war ganz nett, doch bei mir ist nichts Aufregendes passiert, außer das ich mit meiner besten Freundin telefonierte (Liebe Grüße, ich hab dich lieb!). Die Stadt besteht hier nicht mehr aus kleinen bunten Häusern, sondern aus sehr modernen Großgebäuden. An ein paar Mauern waren wunderschöne graffitiartige Gemälde, es gab eine Kathedrale, eine Stadthalle, eine Mall und anscheinend auch einen Park, den ich jedoch nicht zu Gesicht bekam.
Beim Rückweg war der Bus sehr voll und wir verpassten leider das Abendbrot. Als wir ankamen, waren noch überall die Kisten vom Einkauf in der Messe verteilt und Hannah H. und Paula hatten alle Hände voll zu tun mit dem Verstauen der Einkäufe. Ich sprang noch schnell unter die Dusche und bezog mein Bett neu, da sich bei mir in den letzten Tagen aus unerklärlichen Gründen eine Allergie entwickelt hat, die alles andere als angenehm ist. Während die anderen Schüler noch mit den Schülern von School at Sea abhingen, machte ich es mir bequem und fiel wie auf weichen Federn in einen angenehmen Schlaf.

Ganz zum Schluss möchte ich noch Grüße rausschicken an May, die sich schon etwas früher mit ihrem alten Leben auseinandersetzen wollte. Ich vermisse dich unbeschreiblich doll und du fehlst einfach in der Ocean College-Family. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn du das hier noch miterleben würdest, wie du die Situationen wahrnehmen würdest, und dann will ich eigentlich traurig sein, doch ich weiß, was ich dir versprochen habe und ich versuche mich so gut wie möglich daran zu halten. Ich hoffe, du bist glücklich zuhause und ich erwarte gespannt den Tag, an dem du am Kai stehst, winkst und zusiehst, wie wir einlaufen. Bis dahin sei glücklich und mache dir keine Sorgen um uns<3!

Eure Elena

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