Ocean College

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„Hier sind wir ja flexibel“ (Johan)

Autorin: Elena

Position: Costa Rica, San Marco – Santa Maria
(Kaffeeplantage Finca Don Eli)

Schon gestern Abend stand fest, dass wir heute viel vorhaben. Doch was Johan am Anfang unserer Zeit auf der Kaffeeplantage sagte, sollte auch heute wieder eintreffen: „Hier sind wir ja flexibel!“

Wie an den anderen Tage auch, gab es wieder eine spezielle Aktion vor dem Frühstück für die Leute, die Lust hatten. So kam es, dass ich heute um 06:45 Uhr erst von Noras IPad, das sie mir netterweise als Wecker geliehen hatte, und kurz danach nochmal von May, die eh immer sehr früh auf den Beinen ist, geweckt wurde. Das 07:00 -Programm sollte heute nämlich daraus bestehen, aus einem Zuckerrohrsaftgemisch eine traditionelle Süßigkeit zu fertigen. Als May und ich in der Gemeinschaftshalle oberhalb unseres Zeltplatzes ankamen, waren Leon, Simon und Joachim schon damit beschäftigt, ein Feuer zu entfachen. Damit keine falschen Vorstellungen entstehen, werde ich das kurz erklären. Carlos hat gestern Abend mit seinen Helfern aus verschiedenen Zuckern, die im Zuckerrohr vorkommen, einen Saft gekocht, der Melasse genannt wird. Dieser Prozess fand in einem großen Gebilde statt, das wie eine Art Brunnen aus Ziegeln gebaut ist, aber einen Boden hat, unter dem ein Feuer brennen kann, um etwas -wahrscheinlich Flüssigkeiten- zu erhitzen. Die Melasse durften wir gestern Abend, während wir den Film „Lola rennt“ schauten, probieren. Ich fand sie ehrlich gesagt nicht sonderlich lecker. Über Nacht kühlte das Ganze dann ab, weshalb wir es heute in der Früh wieder zum Kochen bringen mussten. Leider dauert dieser Prozess mehrere Stunden. Weil wir nicht die ganze Zeit in der Halle auf das Frühstück warten wollten, setzten May und ich uns ans Lagerfeuer.

Um halb neun gab es dann Pancakes und Obst als Frühstück. Ich weckte unseren etwas erkälteten Basti, indem ich ihm Frühstück ans Bett brachte.
Nach dem Frühstück hatten wir bis zum Mittagessen, welches erst um 15:00 Uhr stattfand („Wir sind hier ja flexibel!“), freie Zeit, die ich mit Musik und Lernbuch in meinem Zelt verbrachte.

Auch unsere Wäsche kam heute wieder zurück zu uns – frisch gewaschen und wohl riechend.

Nora, Paula, Lotte, Merle und ich packten sie aus, sortierten sie und legten sie zusammengelegt auf sortierte Stapel.

Nach einem sehr leckeren Mittagessen räumten wir die Halle auf und bauten alles für das World Trading Game auf. In diesem Spiel geht es um den globalen Handel. Es ist ein sehr komplexes und lehrreiches Spiel. Ich versuche es euch so gut es geht zu erklären. In der Halle wurden sechs Tische verschieden angeordnet. Wir wurden per Losverfahren in sechs Gruppen eingeteilt: A1, A2, B1, B2, C1 und C2. Diese Gruppen standen für die unterschiedlichen Länder unserer Welt. A1 und A2 waren die „erste Welt“- Länder, z.B. Amerika, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. B1 und B2 waren die „zweite Welt“- Länder, z.B. China, Indien und Brasilien.C1 und C2 waren die „Entwicklungsländer“, z.B. Kongo, Uganda und Tansania.

Den Gruppen wurden spezielle Tische zugewiesen. A1 und A2 saßen mit direktem Blick auf die „Börse“, unsere flexibel angebrachte Tafel. B1 und B2 schon etwas weiter entfernt mit nicht mehr ganz so gutem Blick und C1 und C2 saßen ziemlich abseits, sodass sie die „Börse“ nicht mehr von ihrem Tisch aus sehen konnten. Wie der Name schon sagt, geht es in dem Spiel um das Handeln. Jede Gruppe bekommt verschiedene Mittel: Ressourcen (weißes Papier) und technische Mittel (Bleistift, Schere und Schablonen für verschiedene geometrische Figuren). Man muss aus dem Papier mit Hilfe der Schablonen Figuren ausschneiden. Diese Figuren, die alle einen unterschiedlichen Wert, der steigen und sinken kann, haben, kann man bei der Weltbank gegen Geld eintauschen. Wer am Ende des Spiels am meisten Geld hat, gewinnt.

Jede Gruppe bekam eine verschiedene Anzahl der Mittel. A1 und A2 hatten zwei Scheren, verschiedene Formen, ein Blatt Papier, vier Bleistifte und 600$ Startkapital. B1 und B2 hatten zehn Blätter Papier und 200$ Startkapital. C1 und C2 hatten vier Blätter Papier, zwei Bleistifte und ebenfalls 200$ Startkapital.

Da ich in der C1-Gruppe war, werde ich den Spielverlauf aus meiner Sicht, der Sicht eines Entwicklungslandes, beschreiben. Zu Beginn des Spieles haben wir versucht durch Handeln an eine Schere oder eine Schablone zu kommen. Doch A1 und A2 waren nicht bereit zu verhandeln und wenn, dann zu unverschämt hohen Gegenpreisen. Für meine Gruppe war es unmöglich, Formen zu „produzieren“. Nach circa zehn Minuten gingen wir ein Handelsbündnis mit dem anderen Entwicklungsland C2 ein. Etwas später schafften wir es, an eine Schablone zu kommen und kurz darauf bekamen wir als Entwicklungshilfe eine Schere für fünf Minuten, mussten aber ein Drittel des Erlöses an die Bank abgeben. Wieder zehn Minuten später bekamen wir zwei gelbe Papiere, die Gold darstellen sollten und besonders wertvoll waren. Doch das Handeln mit den anderen Ländern wurde nicht einfacher. Wir bekamen weder andere Schablonen, noch eine Schere. Man kann sagen, wir waren ziemlich hilflos und während die anderen Gruppen, v.a. A1 und A2, ordentlich Geld machten und geheime Bündnisse schlossen, stieg bei uns der Druck immer weiter an. Ein paar Mal versuchten Gruppen zu schummeln oder spezielle Ereignisse wie „Müllentsorgung“, „Naturkatastrophen“ oder „Produktionssteuern“ wurden eingeführt. Joachim und Johannes waren die Weltbank und leiteten das Spiel. Im Laufe des Spieles hat man gemerkt, dass die Weltbank auf der Seite der „erste Welt“-Länder war und uns Entwicklungsländer immer wieder in die Pfanne hauten. Je länger das Spiel dauerte, desto mehr stieg in meiner Gruppe die Unzufriedenheit gegenüber der Unfairness, weil wir als Entwicklungsland, egal was wir versucht haben, nicht wirklich Profit machen konnten, weil wir von vornherein die “Arschkarte“ hatten. Nach zwei Stunden wurde das Spiel beendet und natürlich hatten die A-Gruppen am meisten Geld.

In der anschließenden Nachbesprechung erzählten erst die einzelnen Gruppen, wie für sie das Spiel war und Johannes und Joachim erläuterten anschließend die Hintergründe und Zusammenhänge. Auch der Bezug auf den realen globalen Handel wurde mit Beispielen dargelegt. Ich persönlich habe sehr viel aus diesem Spiel gelernt und mitgenommen. Auch danach habe ich mich noch mit Johannes über das globale Miteinander, die Ausbeutung der Entwicklungsländer und das Verhalten der „erste Welt“-Länder unterhalten. Joachim mischte mit mehreren philosophischen Beiträgen mit und erklärte mir einige Lösungsvorschläge, um gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen, z.B. kann man als Individuum bewusstere Entscheidungen treffen oder NGOs-Organisationen unterstützen. Wer an diesem Thema interessiert ist, dem empfehle ich, sich über diese Organisationen näher zu informieren.

Weil heute schon unser letzter Abend auf der Kaffeeplantage ist, wurde das Abendessen von Hannah H., Emma, Ben, Lennard, Karl, Lotte und Johannes zubereitet. Es gab vorzügliche selbstgemachte Reiberdatschi mit ebenfalls selbstgemachtem Apfelmus. Es gab sogar noch einen Nachtisch, nämlich auch selbstgemachten Kaiserschmarren.

Eigentlich waren für heute noch zwei Referate und ein Vortrag von Johannes eingeplant, aber wie gesagt, hier sind wir ja flexibel 😉

Morgen geht es schon wieder weiter. Wir werden in zwei große Gruppen geteilt. Die eine begibt sich an die Pazifikküste und die andere an die Atlantikküste. Für mich geht es in die Karibik und wir werden eine Rangerausbildung absolvieren. Ich finde es sehr schade, dass die Zeit auf der Kaffeeplantage schon vorbei ist. Für mich ist Costa Rica das Highlight der Reise, vor allem die letzten sechs Tage.

Zu guter Letzt möchte ich noch fröhliche Grüße und ganz viel Liebe an meine Familie und Freunde rausschicken. Nur noch drei Monate, die ihr ohne mich klar kommen müsst, aber auch nur noch drei Monate dieser unglaublichen Reise für mich. Die Zeit verging hier so schnell und mag mir gar nicht vorstellen, wie diese Zeit gewesen wäre, wenn ich sie zuhause verbracht hätte. Ich wünsche euch noch eine angenehme Nacht, denn bei uns ist es inzwischen schon 22:00 Uhr und ich sehe mein Akku geht zur Neige. Noch schnell Zähne putzen und dann ab in den Schlafsack, denn morgen geht es wieder in aller Frühe weiter.

Eure Elena

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