Ocean College

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Poseidons Tag des jüngsten Gerichts

Autor: Leon
Position: Nord Atlantik
(41°05,90 N 19°35,37 W)

Meine Nacht verlief ziemlich schlaflos, denn gefühlt alle zehn Minuten flog irgendetwas lautstark durch die Gegend. Mein Gehirn fühlte sich an wie ein Stück Butter in der heißen Pfanne, während man auf seiner nassgeschwitzten Matratze hin und her glitscht. Mein Kopf versuchte vergebens ein Muster in all diesem Auf und Ab zu finden, um es dem Magen etwas leichter zu machen.
Charlotte weckte mich aus meinem Schlaf, ich musste mich für die Wache bereit machen.
Sie selbst war klatschnass und erzählte mir, dass sie und Nora einmal übers Mitteldeck gespült worden wären. Ich zog mir mein Ölzeug an und lieh mir Nils Segelstiefel aus, da diese schön warm halten.

Oben in der Messe bestaunte ich das Chaos, das die Wellen der Nacht angerichtet hatten. Das Frühstück schien fast unberührt, denn abgesehen vom Küchendienst und der anderen Wache war niemand wach. Ich tat einen Schritt durch das Stahlschott an Backbord ins Freie. Wind, Gischt und schlechte Laune machten sich in meinem Gesicht breit. Die Wellen waren monströs, nahezu beängstigend. Wie riesige Monster, die sich gegenseitig überwanden und drohten, Mensch und Material gleichermaßen zu verschlingen. Hendrik, unser Offizier, schätzte die Wellen auf acht Meter Höhe. Es ist schon etwas unheimlich, eine Wasserwand anrollen zu sehen, die höher liegt als die Brücke. Während Emil und Dominik am Steuer gegen die Wellen kämpften, war ich mit navigatorischen Aufgaben beschäftigt, dies ist allerdings nicht so einfach, wenn alles durch die Gegend rutscht. Unter anderem kümmerte ich mich um Mika und Merle, die seit der Abfahrt quasi nur noch über der Reling hängen. Das Mitteldeck ist durchgehend überflutet und die Wellen reichen teilweise auf das Achterdeck.

Als ich nach einem Rundgang am Unterdeck wieder nach oben wollte und etwas unvorsichtig war, bezahlte ich meine Unachtsamkeit teuer. Ich öffnete das Schott und da ich abgelenkt war, sah ich das acht Meter Monstrum nicht. Als ich dann sah, was sich da vor mir aufbäumte, war es schon zu spät. Die Welle brach. Im nächsten Moment war ich unter Wasser und wurde gegen das Steuerhaus gepresst. Ich hoffte in diesem Moment bloß noch, dass dieser Hüftgurt mich an Deck hält. So schnell wie das Wasser kam, ging es dann auch wieder. Ich fand mich halb benommen und klatschnass am Rande der Reling wieder. Nach meiner Wache hatte ich die Schnauze voll, ich zog mich um und verkroch mich zu Mika und Charlotte ins Zimmer, wo ich in guter Gesellschaft den Rest des Tages verbrachte.

Ich grüße alle Familien zuhause.
Wir alle fiebern dem Tag entgegen, an dem wir wieder in euren Armen liegen.

Ganz besonders grüße ich May:
Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht alle an dich denken und bedauern, dass du nicht mehr da bist. Wir freuen uns alle tierisch auf dich und hoffen du schlägst dich zu Hause gut durch.

Grüße an meine Familie und Freunde:
Ich grüße Opa Adolf, Oma Gunda, Oma Bäzner, Vadda, Mudda, Christian, Carolin, Akira, Leon, John (Kevin und den Rest der Zockergang) und Familie Voht.

Euer Leon

4 comments

  1. Christiane Goerens - 4. April 2018 14:41

    ganz schön aufregend – geniesst es !

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  2. Peter - 4. April 2018 16:38

    Da wurde die Schwimmweste und Lifebelt wohl freiwillig angezogen…..

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  3. Andreas G.

    Andreas G. - 4. April 2018 21:43

    Respekt! So ein Ritt kostet viel Kraft – körperlich wie emotional.

    Antworten
  4. LeonB - 4. April 2018 22:05

    Beim Klabautermann, da steht einem ja schon vom Lesen das Wasser in den Socken ! Na dann bringt die „fliegende Holländerin“ und bitte alle Mann an Bord sicher wieder nach Hause und immer schön den Lifebelt benutzen. Genießt den Countdown der letzten 10 Tage , wir freuen uns sehr auf Euch und zählen auch schon runter 10..9..8..

    Wir wünschen Euch allen noch eine wunderschöne Restreise, gute Gespräche, unvergessliche Momente, ganz viel Spaß miteinander, fair winds und frühlingshafte Temperaturen, kommt gut durch die Biskaya..

    Take care und alles Liebe, bis bald in Ijmuiden

    Petra und Andreas

    Antworten

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