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Softwareupdate Schule

Von: Johan Kegler

Wie werden Menschen über unser Bildungssystem in der Zukunft, in 100 oder 500 Jahren denken?

Eine Idee davon kann man entwickeln, wenn man das neueste Video von Richard David Precht anschaut: https://www.youtube.com/watch?v=8i4MVxMHFRA

In kurzen 20min wird die historische Misere, unter der Schule heute unter radikal veränderten Rahmenbedingungen zu leiden hat, prägnant beschrieben. Ich möchte gerne zwei Punkte besonders hervorheben:

1. Föderales Bildungssystem als Hemmnis gegen eine wirkliche nationale Schulreform

Wie auch bei Harald Welzer in seiner Konsumkritik wird auch bei der Schule deutlich, in was für einer “geprägten” Welt wir leben, wie sehr wir herrschende Zustände als normal betrachten, nur weil es schon immer so war und scheinbar auch von der Mehrheit weiterhin praktiziert wird.

Historisch betrachtet ist es besonders für Deutschland bemerkenswert, wie sehr uns unsere Vergangenheit immer noch jeden Tag in der Schule begegnet. Per se war Deutschland immer schon durch ein föderales Prinzip gekennzeichnet, was sich historisch unter dem Schlagwort “die verspätete Nation” zusammenfassen lässt. Erst mit der Reichsgründung von 1871 gab es erstmals ein wirklich zusammenhängendes Staatsgebilde. Entsprechend gab es eine zentrale Organisation wenn überhaupt erst vergleichsweise spät. Und schliesslich kam noch verstärkend der Umstand hinzu, dass die Allierten nach dem zweiten Weltkrieg festlegten, dass die Bildungshoheit in Deutschland Ländersache bleibt. Damit sollte verhindert werden, dass sich eine Ideologie wie die der Nazis wieder zentral gesteuert über Deutschland ausbreiten kann. Deshalb bestehen in Deutschland 16 verschiedene Rahmenlehrpläne und Schulsysteme, womit wir übrigens bei OceanCollege am meisten zu kämpfen haben.

Aber, wie auch Precht am Ende seines Vortrags betont, ergeben sich genau aus diesen historischen Prägungen heraus heute eklatante Probleme für die Zukunftsfähigkeit. Weil jedes Bildungssystem in jedem Bundeslang eine eigene Verwaltung mit eigenen Beamten, Landesschulämtern, Bildungssministern, Staatssekretären etc. zur Folge hat, wird niemand freiwillig Zuständigkeiten und damit Macht abgeben. Es gibt ein grosses Interesse, die Kompetenzen über Bildung nicht abzugeben, weil eben daran am Ende der eigene Arbeitsplatz hängt.

2. Persönlichkeitsentwicklung im gegebenen Schulsystem nicht möglich

Seit nun mehr als zwei Jahren treibe ich mich viel auf den Webseiten von Schulen jedweder Art herum und wenn es ein Wort gibt, das mich immer wieder anspringt, dann ist es “Persönlichkeitsentwicklung”.

Allerdings, und auch darauf geht Precht in seinem Vortrag sehr gut ein, war Persönlichkeitsentwicklung im letzten Jahrhundert in der Schule überhaupt nicht vorgesehen. Was sich entsprechend auch in der gesamten logistischen und organisatorischen Form von Schule bis heute vielfach zeigt. Kasernenartige Schulgebäude, ein durchgetakteter Stundenplan, akustische Signale als Organisationsform, Normierung durch Noten, ein 45min Rhythmus, ein frontales Lehrer- und Schüler Verhältnis und nicht zuletzt auch oft eine  große Macht für den Lehrer. All dies war natürlich für die Produktion von Menschen, die gut in Armeen oder Staatsapparaten dienen sollten, hervorragend geeignet. Aber die Gegenwart ist so permeabel, variierend und komplex, dass allein schon mit dieser Organisation von Schule keine Persönlichkeitsentwicklung möglich ist, wenn diese denn wirklich ernst gemeint wäre.

Die Antwort, die auch OceanCollege in der Praxis geben will, kann natürlich nicht Beliebigkeit oder Anarchie sein, schon gleich gar nicht auf hoher See. Gemeinschaften brauchen Regeln und teilweise auch feste Strukturen. Und es gibt auch nicht, wie Precht sehr gut beschreibt, die eine Unterrichtsform, die am besten ist. Aber es geht darum, flexibel auf die Umstände und Bedürfnisse der Schüler zu reagieren. Diese einfach mal Erfahrungen ohne vorherige Erwartungsformulierung und sofortige Kommentierung machen zu lassen. Schüler in die Verantwortung zu bringen und ernst nehmen und das nicht als Lehrer, sondern als Begleiter auf Augenhöhe.

Denn wie Harald Welzer es so wunderbar formuliert: Vom Tier unterscheidet den Menschen vor allem, in der Zeitform Futur II zu denken. Wie werden wir gelebt haben bzw. hier: Wie werden wir junge Menschen auf das Leben vorbereitet haben? Allein die Möglichkeit, so zu denken, motiviert mich jeden Tag bei OceanCollege.

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