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Wächter des Regenwaldes

Autorin: Lotte
Position: Coclés, Costa Rica
(One World Farm)

Ich schreibe heute an Stelle von Leon, der leider zurzeit in Deutschland mit seinen Ohrenproblemen behandelt wird. Wir hoffen alle, dass es dir gut geht und du bald gesund wiederkommst!

Anmerkung an dieser Stelle von Johan: Leon hatte seit Curacao eine Entzündung am Ohr und zwei Krankenhausbesuche und vier Ärzte später zog dann die Mutter von Leon verständlicherweise die Reißleine und ich fuhr mit Leon aus dem Dschungel im Taxi zum Flughafen nach San Jose. Er wird in Kuba wieder zu uns stoßen. Herzlichen Dank an dieser Stelle für die schnelle Kooperation aus Deutschland. So langsam haben wir alles durch, was passieren kann

Dieser Tag sollte ein ganz Besonderer sein. Die ganze Woche hatte Ken uns erzählt, wie es werden würde, wenn er uns mitten im Regenwald mehrere Stunden lang als echte Ranger bzw.Wächter des Waldes, ausbilden würde. Gepackt hatten wir ja schon gestern, also zog ich mir einfach die rausgelegten Sachen an und schlich die Treppe runter zum Frühstück, wo Kompanie Romeo, wie Win uns taufte (Romeo steht für Regenwald), bereits die ersten Bananenkuchen schnabulierte.

Otto ging es leider sehr schlecht, weil er von einer Kugelschussameise böse überrascht wurde. Diese sind beinahe daumengroß und der Schmerz nach einem Biss ist mit dem einer Schusswunde zu vergleichen. An dieser Stelle ist wohl auch unsere liebe Kathrin zu erwähnen, die immer noch unter ihrer Chiwawa-Attacke von der Kaffeefarm leidet. Der aggressive Übeltäter hatte sich glatt in ihrer wohlgeformten Nase verkeilt.

Nach dem Frühstück, wo ich versuchte, so viel Energie zu tanken wie möglich, weil Ken uns bei der gestrigen Vorbesprechung auf mühselige und schweißtreibende Arbeit vorbereitet hatte – echte Rangerarbeit eben, sammelten wir uns beim Usu`ri. Dies ist das kosmische Domhaus der BriBri- Indianer. Dort motivierten wir uns mit einem Spruch in der Sprache der BriBris, der auf gehts zur Arbeit bedeutet. Ich war sehr glücklich und berührt, als Ken uns erklärte, dass wir mittlerweile schon fast zum Clan gehören. Wir haben mehrere Einheimische kennengelernt, seine Frau und Kinder, einen Cousin und Ulises Hernandez Nercis, der Rechtsanwalt für Indianerkultur ist.
Mittlerweile fühle ich mich hier so zu Hause und wohl, dass mich der Gedanke, übermorgen wieder zu fahren, ganz traurig macht.

Und dann stapften wir, ich ehrlich gesagt nicht wirklich motiviert, endgültig los und begegneten schon nach den ersten Minuten einem Faultier. Es hangelte sich wunderbar sichtbar einen Ast entlang und wir waren alle überrascht, zu erfahren, dass es gerade sozusagen sprintet – danach sah es nun wirklich nicht aus. Irgendwann verließen wir die bereits bekannten Wege und sahen eine knallgelbe Baumvipa auf einem Blatt liegen und eine viertel Stunde später eine andere Schlange mitten auf dem Weg. So wie es aussah, ist einer von uns aus Versehen auf sie getreten. Ken erklärte, wie wir uns verhalten sollten. Plötzlich erblickte Adolfo einen durch Wilderer illegal angelegten Seitenweg, den ich hundertprozentig übersehen hätte. Man konnte ihn nur an den mit Macheten abgeschnittenen Pflanzen erkennen und wir kontrollierten ihn auf Fußspuren. Wären sie frischer als drei Monate alt, hätten wir eine von den zwei Kamerafallen deponiert. Der Weg wurde immer schwerer, steiler, glitschiger, schlammiger und die Kräfte ließen wirklich nach. Adolfo, Ken und ein paar von uns mussten immer öfter die Macheten einsetzen und dann passierte es. Ich musste Ken ausweichen, wie wir es in unserem Machetenkurs gelernt hatten und stapfte direkt in ein Ameisennest. Auf einmal waren sie überall und wuselten beißend durch meinen Schuh. Dezent hysterisch schaffte ich es, mich zu Kathrin, Win und Basti zu retten, die mir mit Unterstützung von Simon die Schuhe auszogen, alle Ameisen entfernten und mich emotional aufbauten. Ken erkannte, dass es Fleischameisen waren. Diese sind zwar schmerzhaft, aber überhaupt nicht gefährlich.

In der Pause stärkten wir uns mit Bananenkuchen aus Bananenblätterpäckchen.
Nach der Stärkung fanden wir einen illegalen Jägerhochsitz. Ein Ast, der zwischen zwei Stämmen parallel zum Boden angeknotet war. Die Taktik der illegalen Jäger ist, in einem Umkreis von zehn Metern um den Hochsitz ihren eigenen Urin zu verteilen. Dies lockt unter anderem auch Tiere an, die mittlerweile beinahe vom Aussterben bedroht sind. Die Jäger warten dann einfach die ganze Nacht auf dem Hochsitz und haben eine leichte Arbeit. Die Jagd ist in Costa Rica aber offiziell verboten und dies erst recht in fremden Gebieten. Jagen ist nur den Indianern erlaubt.
Wir fotografierten den Hochsitz, zerbrachen den Stock und hinterließen eine Nachricht, die wir an einen Ast knoteten. Sie symbolisierte, dass der Wald regelmäßig kontrolliert wird und weitere Vorkommnisse zu rechtlichen Prozessen führen werden.

Der wichtigste Vorfall für uns als Wächter des Regenwaldes war ein illegal geschlagener Baum.
Ken hatte vor einigen Jahren schon einmal das Problem, dass sich Personen aus der Stadt mitten auf seinem Grundstück ein Haus gebaut hatten und sogar Felder und Viehweiden anlegten. Deshalb ist es auch so notwendig, die gesamte Fläche immer und immer wieder regelmäßig und genau zu kontrollieren. Wir setzten uns alle für ein Foto auf den Baumstamm, um die enorme Länge zu veranschaulichen und zeigten den Daumen runter. Dieses Foto wird Ken mit Adolfo ausdrucken, einlaminieren und vor dem Baum befestigen. Wieder ein Zeichen für: Wir haben es gesehen, wir behalten euch im Blick, das wird Konsequenzen haben! Als ich mit den Anderen schon weiter stapfte, in Gedanken noch bei dem Vorfall, versuchten Simon und Ken eine Kamerafalle aufzustellen. Dies müsste aber in einiger Entfernung sein, weil die Wilderer dank des Fotos auf jeden Fall mit einer Falle rechnen werden. Leider fanden sie keine gute Position. Ken muss sie also nach unserem Besuch aufbauen. Kurz vor dem Mittagessen wanderten wir über zwei oder drei riesen Ameisenbauten Blattschneideameisen. Eine verkeilte sich so an meinem Schuh, dass ich sie ohne Lennard nicht wieder abgekriegt hätte.
Unsere heiß begehrten Nudeln verputzten wir in einem ehemaligen Nachtlager von ein paar Ex-Volontären von Ken. Adolfo machte ein Feuer und Ken stärkte uns mit grünem Proteinkuchen und einem selbstgemachten Powershake. Als letztes noch ein frischer feiner Kaffee, den ich dank meiner Zeit auf der Kaffeefarm natürlich professionell verkostete und schon konnte ich mit neuen Kräften beschenkt los marschieren.

Wanda und ich haben uns viel mit Ken über unsere Projekte unterhalten und darüber, dass wir gerne als Volontäre wiederkommen würden. Dabei liefen wir an einer Grundstücksgrenze vorbei. Das andere Grundstück hatten Leute aus der USA gekauft und immer weiter verkauft. Wir liefen auf dem Grundstück von Kens Nachbar. Er gehört der gleichen regenwaldschützenden Organisation an wie Ken und der Unterschied zwischen den beiden Flächen war schockierend. Mehrere ineinander übergehende Pflanzenschichten treffen auf Grasfläche mit vereinzelten Bäumen. Abwechslungsreiche, verbundene, vermischte Artenvielfalt auf einfache Ordnung und Einseitigkeit.
Daran habe ich nochmal gesehen, wie wichtig Projekte wie die von Ken sind und wie notwendig die Erhaltung. Er selbst meint leider, dass Organisationen wie seine aber so gut wie am Aussterben sind.
Ungefähr drei Bäche, ein kleiner Skorpion, fünf Abhänge, sieben bunte Schmetterlinge, ein Kugelschussameisenbau, eine geringelte Schlange und zwei unglaublich schmerzhafte Ameisenbisse später hatten wir es geschafft!
Vollkommen fertig und trotzdem stolz stolperte ich die letzten Meter Schotterweg zum Haus und versuchte irgendwie meine schlammverkrusteten Wanderschuhe loszuwerden.
Wie wir es schon seit Tagen geplant hatten, setzte ich mich mit Nora, Wanda und Merle und einem Glas kalten Saft und Knusperkeksen auf unseren privaten kleinen Balkon. Nora hatte sich so sehr erkältet, dass sie nicht mit auf die Wanderung konnte, deshalb erzählten wir, was wir erlebt hatten. Sie hat in der Zeit, wo wir unterwegs waren auch einen Skorpion gesehen und zwar in unserem Zimmer hinter den Rucksäcken! Nach einer Dusche, wo Kathrin ganz schön sauer war, weil Wanda und ich viel zu lange brauchten, war es dann also Lennards Mission, den Skorpion zu finden.
Er war immer noch bei unseren Rucksäcken, ließ sich aber nicht unter die Tasse bringen, die Wanda, Merle, Nora und ich uns alle im Partnerlook auf dem Weg zu den Indianern gekauft hatten. Als wir nicht weiter wussten, entschieden wir mit Basti, Ken zu holen, der uns ein Insektenspray neben das Bett stellte. In der Zeit war der Skorpion aber irgendwie wieder entflohen und wir konnten ihn nicht mehr finden.
Wenn er auftauchen sollte, würde ihn das Spray beseitigen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass er schon längst wieder draußen ist. Bisher ist er nicht wieder aufgetaucht.
An sich ist er auch ungefährlich, da der Stich nur so schmerzhaft ist, wie der einer Biene.
Abends fiel ich erschöpft ins Bett, dachte daran, was ich alles an einem Tag gesehen hatte und schlief tief und zufrieden – denn auch Wächter müssen sich mal ausruhen.

Ganz liebe Grüße an alle zu Hause und besonders an Oma und Opa, die am 27.01. ihre goldene Hochzeit gefeiert haben. Ihr wisst bestimmt, wie unglaublich gerne ich dabei gewesen wäre! Ich hoffe, ihr hattet einen wunderschönen Tag und ich hab oft an euch gedacht. Ich hab euch lieb!

Eure Lotte

 

PS: Mehr Infos zu Ken und seine Mission findet ihr hier: http://planetoneworld.org/

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