Ocean College

Ein Tag im Leben des Galleytrolls

Datum: 08.02.2019
Autorin: Sophie
Position: 14° 29,3‘ N, 81° 48,6’ W
Etmal: 7237 nm

Kann der blöde Wind denn nicht endlich mal aufhören das Wasser anzustupsen? Man kann ja kaum einschlafen, wenn man so verkrampft im Bett liegt, damit man nicht herauspurzelt. Oh, Entschuldigung, ich habe euch ja noch gar nicht bemerkt. Mein Name ist Lümmel, ich bin ein ungefähr fünf Zentimeter großer, gut gebauter Troll und wohne momentan in der Schiffsküche der Pelican of London.

Ursprünglich komme ich aus Costa Rica, weswegen das Bordleben für mich noch ziemlich gewöhnungsbedürftig ist. Im Hafen von Puerto Limón habe ich ein ziemlich einsames Schiff entdeckt, welches stark unter den Wellen dort litt. Mein Leben an Land war ziemlich langweilig und einseitig, das wollte ich ändern. Daher wagte ich es, auf das riesige Segelboot zu klettern, um zu schauen, wie es sich dort so lebt.

Naja, ich habe mich auf dem Schiff nach meiner legendären Kletteraktion (vom Steg, entlang dieser riesigen grünen Seile, welche echt rutschig und eklig sind, bis zum Steuerrad) umgesehen und mir einen gemütlichen Platz gesucht, der möglichst nah am Essen liegt und warm ist. Und hier bin ich gelandet: in der Schiffsküche, der Galley. Genauer gesagt in einer silbernen Schüssel, welche auf weiteren Schüsseln liegt, unter dem Waschbecken.

Die letzten paar Wochen war es hier echt super idyllisch und entspannt, mein einziger Mitbewohner war ein erfahrener Segler, der jeden Tag aus der gleichen Tasse trank, ohne sie zu spülen. Er hatte mich nicht bemerkt, aber ich hatte jede Menge Zeit ihn zu beobachten, ein fleißiges Kerlchen! Vor einer Woche ungefähr wurde es dann auf einmal richtig laut und wuselig hier. Der Seebär, der hier mit mir lebt, hat wohl ‘ne Menge Freunde, welche ihn alle gleichzeitig besuchen.

Zuerst hab ich mich gefreut: So viele neue Menschen, vielleicht bemerkt mich ja auch mal jemand und ich kann mich vielleicht sogar mit ihnen anfreunden. Naja, da hab ich mir wohl zu große Hoffnungen gemacht.
Bisher bin ich noch unentdeckt geblieben und so langsam finde ich es hier auch ein bisschen nervig. 24/7 rennt hier jemand in die Küche auf der Suche nach Essen und stört meinen Schlaf, dazu kommt noch, dass ich in meiner Schüssel fast nicht schlafen kann, weil ich umherrutsche wie blöd und das Licht geht andauernd an und aus. Diese Menschen hier verhalten sich auch äußerst komisch:

Lasst mich mal nur von einem ganz gewöhnlichen Tag hier erzählen. Naja, jeder Tag ist hier anders, daher gibt’s kein normal, aber egal. Heute Nacht wurde ich von einem extrem grellen Licht geweckt, das durch die Fenster von außen hineinstrahlte. Ich war supermüde und dachte mir im Halbschlaf nur, dass wir eventuell Land erreicht hatten und schlief weiter.

Um 06:30 Uhr saßen bereits die Ersten in der Messe und haben fleißig an ihren Schulsachen gearbeitet, während andere draußen in komischen Positionen die Sonne grüßten. Um diese Zeit kam auch das Küchenteam mit der Köchin in mein Zimmer, um das Frühstück vorzubereiten. Ich bin ja immer sehr gespannt, was es heute zu Essen geben wird und wer diesmal dem Kochprofi helfen wird.

Hier an Bord gibt es nämlich ein System: Jeden Tag helfen drei Menschen der Chefin der Küche und um 8:00 Uhr morgens wird gewechselt. Das Küchenteam, welches nur noch bis 8:00 Uhr Schicht hatte, war sehr freundlich, denn sie spülten alles ab, so dass die nächste Gruppe nicht mehr allzu viel Arbeit hatte und direkt mit der Vorbereitung des Mittagessens beginnen konnte. Theresa, Robert und Sophie hießen die drei Glücklichen, welche heute mithelfen durften.

Total empört redeten sie über ein Geisterschiff, welches sich in der Nacht anscheinend an die Pelican heranschlich, sie mit einem grellen Licht musterte, nicht auf Morsezeichen unseres Kapitäns reagierte und dann wieder verschwand. Sie rätselten, ob das etwa Piraten waren oder was sich sonst hinter dieser mysteriösen Begegnung verstecken könnte, aber zu einem Ergebnis kamen sie nicht.

Mich erstaunten die enttäuschten Gesichter der Drei, nachdem verkündet wurde, dass sie für das Mittagessen Pizza zubereiten werden. Irgendetwas mit “kein Seekrankheitsessen” und “viel Arbeit” konnte ich heraushören, aber so richtig kann ich mir die Enttäuschung mit diesen Worten nicht erklären.

Naja, wie dem auch sei, sie machten sich eifrig an die Arbeit und schnibbelten Knoblauch, Zwiebeln und Schinken bis zum Umfallen. Eine halbe Stunde Freizeit für die Helfer und dann gings ans Anbraten. Mir wurde es viel zu heiß und zu stickig in der Küche, weshalb ich mich entschied, mein Zimmer zu verlassen und mich woanders aufzuhalten.

Draußen schien die Sonne, der Wind wehte mir angenehm ins Gesicht und alle paar Minuten wurde ich durch eine Brise Salzwasser erfrischt, welche aufspritzte, weil das Schiff so sehr mit den Wellen zu kämpfen hatte. Ich hatte gerade meine perfekte Position gefunden, um ein Nickerchen zu machen, als sich plötzlich alle Menschen auf diesem Schiff an die Tische hier draußen quetschten und die Zahlen von 1-30 auf Englisch herumbrüllten.

Ich glaube, das ist so eine Art Treffen, um den Tagesablauf zu besprechen. “Na toll”, dachte ich mir nur, denn jetzt war es hier weder idyllisch noch bequem. Zurück in der Küche war mein Ärger aber schon längst vergessen, als ich einen riesigen Berg knackiger Äpfel und reifer Orangen entdeckte. Vollgegessen entschied ich mich mein Nickerchen hier drinnen zu machen.

Nach einer halben Stunde wurde ich aber schon wieder von lautem Geklimper, das die Drei bei der Abendessensvorbereitung erzeugten, geweckt. Aber auch darüber konnte ich mich nicht allzu lange aufregen, denn bei dem Wort ‘Burger’ war ich völlig aus dem Häuschen! Mittags Pizza, abends Burger und nachmittags Obst: Was ein Festmahl!

Die Drei hatten sichtlich jede Menge Spaß bei der Zubereitung der Fleischbollar. Ich machte es mir auf der mittlerweile kaputten Mikrowelle gemütlich und beobachtete das Geschehen aus sicherem Abstand von oben. Während Theresa den Burgersalat mit ihren Händen knetete, hatten Robert und Sophie sich ein Tic-Tac-Toe-Spielfeld in den riesigen Hackfleischberg gemalt und spielten munter mit Fleischbällen.

Am liebsten hätte ich natürlich mitgespielt, aber die Fleischbälle waren so groß wie ich und dann hätte ich das Spielfeld nicht ganz im Griff gehabt. Naja, allein das Zuschauen hat mir schon sehr viel Spaß gemacht und nebenbei konnte ich ja auch die ganze Zeit von der Haferflocken-Ahornsirup-Mischung probieren, welche es heute Abend zum Nachtisch gab.

Schnell das Essen auf die Teller bringen und servieren war nun für die Drei angesagt, denn in der Messe saßen schon ihre hungrigen Kolleg*innen, welche auf die Burger warteten. Nach all dem Trubel gab es nur noch“ eine Aufgabe, und zwar: Sauber machen! Ohne eine Miene zu verziehen oder sich über die Abwaschberge aufzuregen, machten sie sich an das dreckige Geschirr, um wenigstens noch ein bisschen Freizeit am Abend zu haben.

Recht schnell und auch einigermaßen ordentlich hatten sie dann alles verstaut und verschwanden. Endlich Ruhe! Die meisten Bewohner dieses Schiffes schlafen, nur ein paar vereinzelte, unter anderem auch die aktuelle Wache bewegen sich noch mehr oder weniger leise. Doch trotz der entspannten Stimmung kann ich einfach nicht einschlafen.

Ich rutsche hier in meiner Schüssel fürchterlich umher und mir wird schon ganz schwindelig! Ein paar Tage muss ich das zum Glück nur noch aushalten, bis wir in Kuba ankommen und dann verlasse ich wahrscheinlich das Schiff, denn im Gegensatz zu den Leuten, die sich hier auf dem Schiff befinden, ist Segeln und so ein schwankendes Zuhause gar nichts für mich. Also dann, gute Nacht!

PS.: Liebe Grüße an meine Familie und Freunde. Besonders an Pia: Herzlichen Glückwunsch , das erste Jahr ist geschafft! 🙂