Ocean College

Nele arbeitet

Als Bosun durch den Tag

Datum: 11.04.2019
Autorin: Nele
Position: On the way to Brest
Nautische Position: 46° 30.6 N; 10° 34.3 W
Etmal: (total) 12996 nm

Heute bin ich ausnahmsweise mal ganz leicht aus dem Bett gekrochen, der Anlass dafür war das Handover. Ab heute ist die letzte Schülercrew dafür verantwortlich, uns in den Hafen von Brest zu bringen. Ich habe meinen Wunschjob als Bosun bei diesem Handover und bin schon gespannt auf meinen ersten Tag, an dem ich mit Pete arbeiten darf.

Nach dem Frühstück war meine erste Aufgabe, das Garbage-Book zu verstehen und auszufüllen. Tati erklärte mir, dass wir darin festhalten, wohin wir unseren Müll entsorgen und wie viel Bio-Müll wir täglich über Bord kippen. So stiefelte ich raus, um zum Steuerhaus zu gelangen und wurde erst mal nass. Yay, Regen. Breit grinsend empfing mich Sammo auf der Brücke und bemerkte ganz aufmerksam, dass ich jetzt der neue Baby Bosun bin.

Ich half bei Elie und Elly am Morgen neue Gaskets zu schneiden und zu nähen, bis Pete und ich die nächste Arbeit angingen. Das Schloss zur allgemeinen Toilette auf dem Gang ist kaputt. Pete erklärte mir, dass es als Bosun wichtig ist, Prioritäten zu setzen. Dabei steht Sicherheit an oberster Stelle.

Da wir zu diesem Zeitpunkt draußen nicht arbeiten konnten, befanden wir die Sicherheit, die Toilettentür ordentlich verschließen zu können, dann doch als recht hochrangig. Mehr oder weniger geschickt hab ich das Schloss abmontiert, Pete hat einen kreative Lösung für die Reparatur entwickelt und mich mit dem Anbringen des reparierten Schlosses allein gelassen.

Dann kam Pete’s Lieblingszeit: Tea-Time. Aber er hätte sich nicht zu früh freuen sollen, seine Tasse habe ich zuvor gespült. Der Dreck hatte sich nämlich schon fast in das Material gefressen.

Danach stand Mittagessen und Mittagsmeeting an. Das Wetter war anhaltend schlecht und Pete erklärte mir, dass man als Bosun sehr häufig an den Segeln oder in der Umgebung der Segel arbeitet.

In der Arbeitszeit, die übrig bleibt, erledigt man Jobs, die nichts mit Segeln zu tun haben. Heute hatten wir eher Pech, das heißt, wir haben die rostigen Wände des Schiffes gesäubert – im Regen und mit der einen oder anderen Welle, die uns ab und zu die Füße gewaschen hat. Was soll ich sagen, es war ein reines Vergnügen!

Zurück in der Messe schien es sehr viel gemütlicher, einige haben Bilder der Reise angeschaut, Briefe geschrieben oder Tee getrunken. Ein Jammer, dass Momente wie dieser einige der letzten gemeinsamen Momente sind.

Nun kommen wir zum Highlight des Tages.

Unsere Schülercrew sollte eine Übung auf eigene Faust durchführen, mit möglichst wenig Hilfe der Stammcrew. Bei unserem Szenario handelte es sich um ein vermeintliches Leck in unserer Bilge.

Mit einem VHF Funkgerät in der Hand und direkten Kommandos des Kapitäns, Christian, kam ich mir gleich sehr viel wichtiger vor. Die Crew brachte in dieses Manöver die ein oder andere Schwierigkeit mit ein, indem sie das Szenario veränderten: Die Hand eines Crewmitglieds wurde gequetscht, die Bilge war überflutet und am Ende der Übung saßen wir in einem imaginären Rettungsboot.

Anschließend bekamen wir eine Rückmeldung der Stammcrew. Der Prozess einer echten Übung weicht offenbar sehr stark von unserem Vorgehen ab, wir haben aber dennoch einen guten Job geleistet.

Durchgefroren wie ich war, bin ich anschließend in unseren Korridor gegangen und habe dort schon die ersten gepackten Taschen aufgefunden. Auch als ich zu Kira R. kam, traf ich sie beim Sortieren ihrer Sachen an. Ich selbst verdränge die traurige Wahrheit, dass es Zeit wird zu gehen und werde das Taschenpacken sicher bis zur letzten Minute verzögern.

Gemeinsam mit Kira und Elisa klickte ich in paar Bilder durch und trauerte der rasenden Zeit hinterher.

Anschließend war es Shanty-Zeit. Pete war heute wohl zu früh wach und hat sich die Mühe gemacht, den Shanty ‘A hundert years ago’ mit einem passenden Text für unsere Reise umzuschreiben. Es war für uns alle ein sehr emotionaler Abend.

Vieles geht mir im Kopf umher: Die Vorbereitung unserer Ankunft, das Revue-passieren-lassen der sechs Monate, das Vertrauen der Crew. Für mich macht dies meinen Abschied von dieser unfassbaren Zeit noch schwerer als er ohnehin schon ist.

Liebe Grüße von dem besten Ort der Welt,
Nele