Ocean College

April2019

Wellen auf dem Ozean

Ein Tag aus Sicht der Ersten Offizierin

Date: 07.04.2019
Autorin: Babs
Position: Under way to the English Channel
Nautical Position: 43° 22.3‘ N; 025° 47.8‘ W
Etmal: (total) 12298 nm

Um 0340 ist die Welt noch in Ordnung. Ich liege in meiner, sich in alle erdenkliche Richtungen bewegenden Koje und höre die freundliche Stimme der weckenden Schülerin.

Kurz darauf die erste Herausforderung des Tages: Anziehen bei 30 Grad Schräglage. Die Socken gelingen noch unfallfrei, doch beim Versuch, in die Hose zu steigen, holt das Schiff zur anderen Seite über und ich fliege mit voller Wucht in meinen Schreibtisch…

Es dauert 20 Minuten, bis ich schließlich voll ausgerüstet mit Ölzeug, Harness und einem Morgenkaffee, bzw. dem, was hier an Bord Kaffee genannt wird, die Hühnerleiter zur Brücke erklimme.

Dort erwartet mich die Blue A Wache und ‘n büschen Wind. Genau gesagt 8-9 Windstärken, in Böen auch gerne etwas mehr. Das Steuern des Schiffes wird zur Herausforderung für die Rudergänger.

Während die Schüler dies sehr gut meistern, benötigt der in der Wache aushelfende Lehrer Johannes etwas Nachhilfe, berichtet doch unser Engineer, dass er aus seiner Koje in sein Waschbecken gerutscht ist, als der Rudergänger 60 Grad vom Kurs ab war und das Schiff dabei mal eben gehalst hat.

Auch der Käpt’n erscheint mit verschlafenen Augen und fragendem Blick auf der Brücke, doch wir steuern schon zurück und sind bald wieder auf Kurs. 

Nach gefühlten 20 Böen geht die Wache zu Ende und wir werden abgelöst und es lockt erneut die Koje. Viel anderes kann man bei dem Wetter nicht machen.

Das Deck ist gesperrt und man darf nur noch hinter dem Wheelhouse ins Freie, auch dort nur mit Harness und dick eingepackt. Der starke Wind ist eisig kalt. Arbeiten an Deck sind nicht möglich.

Arbeiten im Büro auch nicht, denn dort wird immer noch der neue Rechner eingerichtet und das Auffinden der Programme und Dateien benötigt kriminalistischen Spürsinn.

Nachdem der neue Computer mir beharrlich das Bearbeiten meiner eigenen Dateien verweigert, beschließe ich, dass es schließlich Sonntag ist und gehe ein Buch lesen.

1600 ist wieder Wache. Diesmal mit Blue B. Der Wind hat zugenommen. Wir segeln mit 9 Knoten auf Raumschotskurs und zur Abwechslung mal halbwegs in die richtige Richtung.

Achtern türmen sich bis zu 8 Meter grosse Wellen auf, die das Schiff von einer Seite zur anderen rollen lassen. Schüler-Chiefmate Poldi betätigt sich als ‘Steuerberater’ und erklärt den Mitgliedern der Wache, wie man bei solchem Wetter steuert.

Das geht dann auch ganz prima und es werden teilweise bis zu 11 Knoten Fahrt erreicht. Dazu strahlt die Sonne über dem tiefblauen mit Schaumkronen bewehrten Meer. 

Nun klingt der Abend mit Eis und Shanties aus. Bootsmann Pete und die Schüler erfinden viele neue schiffsbezogene Strophen und alle haben viel Spaß.

Anousch auf der Schaukel

Strange feelings on board

Date: 06.04.2019
Author: Anousch, 2nd Officer
Position: Under way to the English Channel
Nautical Position: 43° 08.5‘ N; 29° 36.1‘ W
Etmal: (total) 12118 nm

The last week has arrived…  six months of sailing round the world, seeing incredible places, meeting lovely people, … it went by so quickly! From a permanent crew’s point of view, it is both joy and sadness.

First the joy: With the handovers that are going strong, we enjoy watching the students work the ship. We can stand back and be proud of what they have accomplished in the last months.

They all have grown into more mature, open-minded and friendly persons. It is amazing to see some of the previously more quiet ones now in charge of a whole group working on deck.

Leaderships skills have grown. When you see the naturally more confident students grow into leaders who are not afraid to ask questions and can hand over the command to somebody else, adults are being born.

Parents will also be very pleased to know that the students are now able (or at least should know how) to cook, do the dishes, clean the toilets, do their laundry … thus they are almost ready for adulthood.

Secretly, we are also in joy to go home. No more 30 teenagers making a lot of noise, no more German rap music, … Yes, silence will be good for the crew.

On this note, it is also sad to know that we will have to say our good-byes soon. Yes, we are tired and we are looking forward to going home, too, but this group will always have a special place in our hearts.

We got to know each student, saw them laugh, cry and grow into more wonderful persons than they already were.
We will miss them all and we hope that we will see them back at sea someday!

On a final note, I would like to take the time to thank all the parents. I admire your courage to send your son or daughter away for six months.

I’m sure it is not easy to miss your child for such a long time and trust somebody else to take care of them.
Thank you for giving us your trust and giving your children the time of their lives!

Ocean College 2018/2019, thank you for an amazing experience!

PS: Alles Gute zum Geburtstag Opa! Ich freue mich darauf euch in ein paar Tagen wieder zu haben. Mama, bitte gib Antje einen Kuss von mir und knuddel sie. Liebe Grüße Lauryn

Schönes Wetter auf dem Ozean

Was macht ein Lehrer in seinen Ferien?

Datum: 05.04.2019
Autor: Johannes
Position: Auf dem Weg nach Boulogne
Nautische Position: 41° 0.6’ W; 29° 53.9’ N
Etmal: (total) 11978 nm

Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei – auch ich selbst habe schon solche Sprüche über Lehrer gerissen.

Jetzt sitze ich mit 30 Schüler*innen auf der Pelican of London und vor einer Woche war es dann so weit: Am vergangenen Samstagnachmittag standen wir vier Lehrer*innen zum letzten Mal in einer Unterrichtssituation vor unseren Schüler*innen.

Plötzlich fiel einiges an Druck von mir ab: Keine Unterrichtsstunden mehr vorbereiten, keine Überlegungen, wie Prüfungen im Schiffsalltag Platz finden können, keine spontanen Recherche-Aktionen, sobald Internet verfügbar war, keine nächtlichen Bastelaktionen für die nächste Geschichts- oder Physikstunde.

Die Zeit in Horta war eine willkommene Pause, bevor wir auf zum letzten Abschnitt der Reise aufgebrochen sind. Einfach mal in einem Café sitzen, ein Buch lesen, morgens eine Runde Joggen gehen waren in der letzten Zeit lang erträumter Luxus. Doch meine Kraftreserven waren schon bald wieder gefüllt und die Vorfreude auf die letzte Überfahrt stieg.

Auch wenn wir uns quasi in die Ferien verabschiedet haben, stehen noch einige Aufgaben aus.

Gerade schreiben wir an den Notenblättern und Zeugnissen, die alle Schüler*innen erhalten werden, nebenbei laufen die Vorbereitungen für die Feedbackgespräche.

Alle Schüler*innen konnten sich aussuchen, welche*r Lehrer*in das finale Feedbackgespräch führen sollte, dementsprechend bereiten wir uns alle vor und staunen darüber, wie sich unsere Schüler*innen seit Beginn der Reise verändert haben.

Gerade habe ich mit Anousch, unserer zweiten Offizierin über einige Schüler*innen gesprochen und im Gespräch sind uns wieder einmal Entwicklungen und Wachstum aufgefallen, das uns vorher nicht bewusst war.

Das ist auch eine Bestätigung für die Arbeit aller Beteiligen auf diesem Schiff, da wir jetzt die Früchte dieser Arbeit sichtbar machen können.

Seit Horta habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, in einer Wache mein Segelwissen weiter auszubauen.

Als Lehrer war dazu bisher nur begrenzt Zeit, jetzt kann ich umso mehr die volle Portion Schiffsroutine genießen und von meinen Schüler*innen, die deutlich mehr Segelwissen haben als ich, lernen.

Wie zu Beginn der Reise habe ich mir die 0:00 – 04:00 Uhr Wache ausgesucht.

Am gestrigen Tag, meinem ersten Tag nach der Wache, konnte ich die müden Gesichter in der Schule gut nachvollziehen, mein Schlafrhythmus war vollkommen durcheinander und ich verbrachte den restlichen Teil des Tages entweder schläfrig in der Messe oder in meiner Bunk in der Foc’s’le.

Dafür ging es heute schon viel besser und der heutige Tag war überraschend schön, nachdem wir im Rückseitenwetter eines Tiefdruckgebiets segelten.

Am Nachmittag riss plötzlich der Himmel auf und wir segeln über blaue Unendlichkeiten im Sonnenschein. Nach einer spontanen Yogasession in der Sonne trägt die Galley-Duty unter der Leitung von Theresa und Lauryn zum perfekten Abend bei: Es gibt Döner!

Gefülltes Pitabrot mit mariniertem Fleisch, Salat, Blaukraut, Zwiebeln, Tomaten und Joghurtsoße – ein Traum, der schon auf meiner Liste an Dingen stand, auf die ich mich nach der Reise freue.

Wenn ich etwas in den letzten Tagen gelernt habe, dann ist das Geduld.

Meine Fähigkeiten am Steuerrad waren anfangs von großen Schlangenlinien geprägt. Mittlerweile habe ich verstanden, dass es Geduld braucht und ich warten muss, bis das Schiff auf eine Rudereinstellung reagiert.

Nachdem ich vorher noch nicht viel bei Segelkommandos eingebunden war, lerne ich jetzt mehr und mehr die Zusammenhänge zu verstehen. Das bedeutet aber auch, dass mein Handgriff einer von vielen ist und ich unter Umständen warten muss, bis meine Aktion gefragt ist.

Nicht zuletzt sind heute zwei für mich essentielle Dinge kaputt gegangen: die Watertight Door, die von der Foc’s’le zur Messe führt und das Klo in der Foc’s’le.

Das bedeutet, dass ich jedesmal, wenn ich in die Messe möchte und jedesmal, wenn ich aufs Klo gehen muss, mein gesamtes Ölzeug, Gummistiefel und Harness anziehen muss, um übers Deck zu laufen.

Wenn ich dann verzweifelt in meiner Bunk liege und aufs Klo muss, dann denke ich mir: Johannes, hab Geduld! Dann schnaufe ich tief durch und fange an, mich anzuziehen.