Ocean College

Juli2020

Why Ocean College? Drei literarische Antworten

Es ist die Frage nach dem großem „Why“: Warum sollten Jugendliche für sechs Monate auf einem Segelschiff leben und was können sie von solch einer Reise mitnehmen? Warum gerade segeln? Warum die ausgewählten drei Pathways? Warum so und nicht anders? Über die Gründe, warum Jugendliche von dieser Reise über das große Meer immer profitieren, haben wir bereits berichtet.

Heute möchte der Gründer von Ocean College Johan Kegler drei Bücher vorstellen, die ihn in der Konzeption und inhaltlichen Ausrichtung des segelnden Klassenzimmers maßgeblich beeinflusst haben. Die drei Titel sind auch immer in unserer Schiffsbibliothek zu finden.

1. Harald Welzer: „Selbst denken- Eine Anleitung zum Widerstand“

segelndes klassenzimmer

Harald Welzer ist einer der wichtigsten (Vor)-Denker Deutschlands und lädt zum Mit und Selbstdenken ein. Er ist Direktor von Futurzwei – Stiftung für Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg.

In seinem Buch „Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ ruft Welzer dazu auf, selbst ins Machen zu kommen und im eigenen Umfeld Veränderungen anzugehen. 

Johan über das Buch:

„Das Motivierende an diesem Buch ist, dass Welzer positive Beispiele gibt, wie wir besser mit der Welt umgehen können. Vor allem wird er konkret und hält sich nicht damit auf, dass „erst der Kapitalismus abgeschafft werden muss“, bevor etwas besser gemacht werden kann.

Und vor allem macht Welzer klar, dass wir in sehr starken Prägungen leben, die wir als scheinbar völlig normal akzeptieren. Beispielsweise ist es doch ein kompletter Irrsinn, wenn ein Akkuschrauber, den ein Durchschnittsdeutscher besitzt, während seiner Lebenszeit im Schnitt 13 Minuten (!!!) im Einsatz ist. Macht es da nicht viel mehr Sinn, Dinge gemeinschaftlich zu teilen?

Das lässt sich mit Welzer auch größer denken: Die Stadt München ist die teuerste Stadt in Deutschland und dennoch ist ein relativ grosser Teil der Stadtfläche für fahrende und parkende Autos vorgesehen. Wenn dieser Platz in einer autofreien Stadt für Wohnen frei würde, würden sich viele Probleme von selbst lösen, bei gleichzeitig besserer Luft, weniger Verkehrstoten und weniger Lärm. Wir haben dieses Buch für jeden Schüler an Bord des segelnden Klassenzimmers dabei und laden jeden dazu ein, selbst zu denken.“

2. Richard David Precht: „Anna, die Schule und der liebe Gott“

Richard David Precht ist einer der populärsten Philosophen Deutschlands. Zu seinen Besonderheiten gehört es, seinen Leser*innen philosophische Ideen näher zu bringen und dabei mit aktuellen Themen zu verbinden.

In einem seiner Bücher widmet sich Precht dem Thema Schule. In „Anna, die Schule und der liebe Gott“ stellt er dem Schulsystem ein vernichtendes Zeugnis aus und gibt Hinweise dazu, was junge Menschen von heute für eine gute und lebenswerte Zukunft benötigen. 

Johan über das Buch:

„Precht legt sehr anschaulich dar, dass unser Schulsystem aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts stammt und mit seinen Strukturen nie dafür gedacht war, individuelle Persönlichkeiten hervorzubringen.

Er bemängelt faktenreich die völlig falsche Auswahl der Lehrer*innen, die falsche Lehrerausbildung und kritisiert die PISA-Studien, die vermeintlich vorgeben, Bildungserfolg messbar machen zu können. Ocean College nimmt diese Kritik auf, unser segelndes Klassenzimmer ist eine Alternative auf Zeit. “

Sten Nadolny: „Die Entdeckung der Langsamkeit“

John Franklin (1786–1847) wollte schon als Kind zur See fahren und er schafft es auch, einer der bedeutendsten und bekanntesten Forscher des 18. Jahrhunderts zu werden. Besonders bekannt ist er durch die nach ihm benannte Franklin-Expedition geworden. Es war seine dritte und letzte große Forschungsreise, während der er die berühmte Nordwestpassage finden wollte. Er kehrte von dieser Reise nicht zurück. 

segelndes klassenzimmer

Der Schriftsteller Sten Nadolny spürt in seinem Bestseller „Die Entdeckung der Langsamkeit“ dem Leben und Denken des Seereisenden nach. Er vermischt hierbei Fiktives mit historischen Begebenheiten und gibt der Geschichte John Franklins durch eine fiktive Eigenschaft eine besondere Note: Im Roman ist Franklin in allem, was er tut, sehr langsam, was ihn scheinbar an seiner Berufung zum Seefahrer hindert. Entstanden ist ein Seefahrer- und Abenteuerroman, im Fokus steht aber die Idee der Zeit und ihrer subjektiven Wahrnehmung.

Johan über das Buch:

„In Sten Nadolnys Roman ist Franklin ein extrem langsamer Mensch, der jedoch im Laufe seines Lebens aus dieser vermeintlichen Schwäche eine große Stärke entwickelt und eben durch die Langsam- und Bedachtsamkeit erfolgreich ist und sogar Menschenleben rettet.

Dieses Thema der Langsamkeit, verbunden mit den Beschreibungen des Segelns im 18. Jahrhundert, hat natürlich einen großen Bezug zur Reise von Ocean College. Allerdings muss man ganz klar sagen, dass dieser Roman für Jugendliche schon schwerer Stoff ist, weshalb wir ihn die letzten beiden Reisen nicht mehr als Pflichtlektüre vorgeschrieben haben.“

Mehr Informationen zum segelnden Klassenzimmer gibt es hier.

zukunftskompetenzen stärken

Future Skills: Zukunftskompetenzen segelnd aneignen

Sechs Monate auf hoher See sind ein großes Abenteuer und sie bringen die Jugendlichen auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung enorm weiter. Der Hochschul-Bildungs-Report 2020 wirft einen Blick auf die Zukunftskompetenzen, die in einer digitalen Arbeitswelt mit disruptiven Geschäftsmodellen und neue Formen des Arbeitens gebraucht werden. Seine Auswertung zeigt: Ocean College stärkt die Jugendlichen in ihren Kompetenzen und macht sie so bereit für die Zukunft.

Was in Zukunft zählt

Der Hochschul-Bildungs-Report 2020 stellt sich die Frage: Welche Fähigkeiten zählen in der Zukunft der Arbeit? Um das zu beantworten, befragten Stifterverband und McKinsey im Future-Skills-Framework u. a. Teilnehmer aus Startups, Unternehmen, Bildungseinrichtungen sowie aus Politik, Verwaltung und Verbänden und über 600 deutsche Unternehmen aus der gewerblichen Wirtschaft, Versicherungen und Banken. Zudem führten die Verantwortlichen 20 Experteninterviews mit Personalverantwortlichen aus Unternehmen. 

Dabei kristallisierten sich 18 Fähigkeiten in drei Kategorien heraus, die in der Zukunft der Arbeit eine bedeutende Rolle spielen werden. Zu den besonders gefragten und zukunftsorientierten Kompetenzfeldern gehören die Technological Skills. Ganz klar: Wer programmieren kann, sich mit Blockchains auskennt und die Datenanalyse beherrscht, hat gute berufliche Aussichten. Die Basis für die hochspezialisierten Skills in diesem Bereich bilden die Kategorien „Classical Skills“ und „Digital Citizenship Skills“. Genau hier kommt das segelnde Klassenzimmer ins Spiel.

1. Classical Skills

Die erste der beiden grundlegenden Kategorien sind die klassischen Skills, die aus Sicht der Arbeitgeber in der Arbeitswelt der Zukunft unverzichtbar sind. Dazu gehören unter anderem die drei folgenden Zukunftskompetenzen. 

Zukunftskompetenz Problemlösungsfähigkeit

Wer ein Problem lösen möchte, der muss erst einmal wissen, wo es hakt und oftmals kreative Lösungen finden. In einer zunehmend komplexen Arbeitswelt braucht es Lösungen, zu denen es noch keine vorgefertigten Lösungswege gibt. Ein strukturiertes Vorgehen und Urteilskraft machen diese Zukunftskompetenz aus. 

Problemlösungsfähigkeit im Ocean College: Kleine und große Konflikte, ungeplante Änderungen auf der Route und im Landprogramm oder die Herausforderungen der nautischen Ausbildung benötigen klare Köpfe und die Fähigkeit, Positionen auszutauschen und lösungsorientiert vorzugehen. 

Zukunftskompetenz Unternehmerisches Handeln und Eigeninitiative

Die Dinge selbst in die Hand nehmen und Selbstverantwortung leben: In der Arbeitswelt der Zukunft werden Karrierewege und Lebensläufe immer seltener linear verlaufen, weshalb jeder dazu aufgerufen ist, die Initiative zu ergreifen.

Eigenständigkeit bei Ocean College: Im segelnden Klassenzimmer verzichten die Jugendlichen auf das starre Korsett des Klassenverbandes. So sind sie motiviert, sich Fähigkeiten und Wissen selbstständig anzueignen und eigenständig zu denken. Auf der Reise lernen die Jugendlichen sich selbst in echten Herausforderungen kennen.

Zukunftskompetenz Durchhaltevermögen

Nicht jede Aufgabe macht Freude und nicht jedes ersehnte Ziel lässt sich leicht erreichen. Hier braucht es einen klaren Fokus und die Fähigkeit, gegen Widerstände anzugehen. Das große Schlagwort lautet Resilienz:

Sechs Monate von Zuhause weg sein und mit anderen Jugendlichen durch die Welt segeln – da kann man schon mal Heimweg bekommen. Aber bei Ocean College lernen die Jugendlichen schnell, aus jeder Situation – und jedem Wetter – das Beste zu machen und aus kleinen Krisen gestärkt hervorzugehen.

Mit diesen Zukunftskompetenzen können sich Jugendliche in neue Situationen schnell einfinden und Probleme lösungsorientiert angehen.

2. Digital Citizenship Skills

Heute kommt niemand an den digitalen Technologien herum: Behördentermine lassen sich online reservieren, viele shoppen nur noch online und auch im Beruf sind zunehmend digitale Skills gefragt.

Die Erwachsenen von morgen benötigen deshalb ausreichende Kompetenzen, um digital zu kommunizieren, sich digitale Techniken zu erschließen – aber auch, um das digitale Leben bewusst vom analogen Leben abzustecken. Zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen in dieser Kategorie gehören die folgenden drei.

Zukunftskompetenz Digital Literacy       

Wie funktionieren digitale Tools? Wie surfe ich sicher durch das Netz? Und wie funktionieren eigentlich Algorithmen? Nur wer die entsprechenden Grundlagen hat, kann sich sicher in der digitalen Welt bewegen und teilhaben.

Digital Literacy bei Ocean College: In unserem segelnden Klassenzimmer bleiben die Smartphones aus und werden nur bei Landgängen ausgegeben. Nur zur Recherche im Unterricht und der Projektarbeit werden digitale Medien genutzt, außerdem natürlich zur Navigation des Segelschiffes. Durch den Verzicht lernen die Jugendlichen digitale Medien bewusst und für bestimmte Zwecke einzusetzen. 

Zukunftskompetenz Kollaboration          

Zu den Zukunftskompetenzen gehört die Fähigkeit, orts- und zeitunabhängig, interdisziplinär und interkulturell mit anderen Personen auf ein Ziel hin zusammenzuarbeiten. 

Kollaboration bei Ocean College: Auf einem Segelschiff müssen alle Passagiere zusammenarbeiten, um die täglichen Aufgaben zu bewältigen. Allein um das Segel zu setzen, braucht es mehrere starke Hände, genauso wie in den Pathways-Projekten oder herausfordernden Landausflügen.

Zukunftskompetenz Digital Ethics

Cybermobbing, Online-Sucht und Datenklau: Auch der ethische Umgang mit digitalen Medien muss bewusst eingeübt werden. 

Digital Ethics bei Ocean College: In den sechs Monaten an Bord des schwimmenden Klassenzimmers lernen die Jugendlichen auf ständiges Online-Sein zu verzichten und den digitalen Medienkonsum kritisch zu hinterfragen.

Indem wir diese Zukunftskompetenzen stärken, lernen die Jugendlichen kooperativ und agil miteinander zu arbeiten sowie bewusste Entscheidungen zu treffen. 

Bei der kommenden Reise soll als externer Experte Alexander Grau von der Mesh-Bildungsinitiative (https://www.meshcollective.de) aus Berlin für einen Teil der Reise an Bord kommen und mit den Jugendlichen u.a. folgende Themen bearbeiten:

i. Die Geschichte/Entstehung des Internets
ii. Social Media vs. Herkömmliche Medien – Wie hat sich die Kommunikation verändert?
iii. Nutzungsverhalten: Social-Media-Sucht. Warum sind so viele Menschen „süchtig“ nach Sozialen Medien?
iv. Die Rolle von Sozialen Medien im Arabischen Frühling (ab 10/2010) – Social Media und Diktaturen
v. Eva’s Stories: Wie kann man Soziale Medien nutzen, um politische/ geschichtliche Themen zu behandeln?
vi. Storytelling: Wie erzähle ich eine Geschichte? Welche Erzählformen gibt es?

vii. Welche Aufgaben und welche Bedeutung hat der Journalismus für und in einer Demokratie?
viii. Wie beeinflussen uns Fake News? Welche Konsequenzen haben sie? Wer profitiert davon?
ix. Warum brauchen wir Medienkompetenz? Was beschreibt Medienkompetenz? Welche Bereiche gehören dazu? Wie erlernt man sie?
x. Welche Bedeutung haben Meinungsfreiheit und Pressefreiheit für ein politisches System? – Vergleich zwischen der Pressefreiheit in Deutschland und der Türkei
xi. Wie soll man umgehen mit Hate Speech? Was ist Hate Speech? Gibt es bestimmte Muster oder Strategien? Was sind die Ziele von Leuten, die Hate Speech betreiben?
xii. Wie funktionieren Soziale Netzwerke? Was ist das Geschäftsmodell von Facebook und YouTube? Wie wirkt sich das Geschäftsmodell auf die Plattform aus?

Mehr Informationen zum pädagogischen Ansatz des Ocean Colleges gibt es hier.