Ocean College

Dead Horse over Board

Datum: 30.10.2021
Autor*innen: Michi, Jamie & Kristina
Position: Kurz vor den Kanaren
Nautische Position: 30°23.4‘N ; 012°15.8‘W
Etmal: 175 NM (insgesamt: 2290 NM)

Einen Monat lang unterwegs

Rechnet man die Trainingstage in Kiel ab, so sind wir nun tatsächlich fast genau seit einem Monat auf See unterwegs. Um das zu feiern, gibt es auf unserer Pelican of London eine Tradition, die schon existiert seit es die Seefahrt gibt: Die Dead Horse Ceremony.

Dead Horse Ceremony

Traditionell wurden in früheren Zeiten auf Segelschiffen viele Seefahrer erst nach einem Monat an Bord bezahlt, wenn sie schon im Voraus einen Teil ihres Lohns eingefordert hatten. Die ersten dreißig Tage arbeiteten sie sozusagen gefühlt „umsonst“, was bei der Arbeit, die Segeln ohne moderne Technik ist, kein gutes Gefühl gewesen sein muss.

Um den Beginn der bezahlten Lohnarbeit zu zelebrieren, wurde die Figur eines toten Pferdes vom ersten Yard des Schiffes im Meer versenkt, und damit sozusagen der unliebige Ballast abgeworfen.

Als letztes Schiff der Welt setzt die Pelican diese Tradition fort und so wurden die Schüler:innen, Watchleader:innen und Lehrkräfte angehalten, ihr eigenes „Dead Horse“ zu basteln.

Dead Horse Zeremonie

Die wachfreien Zeiten der letzten Tage wurden daher kreativ genutzt, um bis zum letzten Schein Tageslicht an den Pferden zu basteln. Die einen setzten auf Größe, die anderen auf Farbe und wieder andere auf jede Menge Panzertape.

Schlussendlich hatte jede Gruppe ihre repräsentative Figur pünktlich zur Zeremonie fertig. Um dem Ganzen noch etwas mehr Glanz zu verleihen, wurden die Pferde in unterschiedlichen Kategorien bewertet: Das schönste, das merkwürdigste, das toteste, der beste Name, das größte und die beste Performance des zugehörigen Shanty.

Denn natürlich darf bei solch einem Anlass ein guter Shanty nicht fehlen.

Der Shanty

Der Shanty erzählt genau jene Geschichte des alten Pferdes, das sozusagen zu Tode geritten wird (und damit die Gefühle der unbezahlten Seefahrer gut wiederspiegelt). Während alle (gefühlt) 100 Strophen des Shantys zum besten gegeben wurden und der Refrain „And they say so, and they hope so […] Oh poor, old, horse“ über Schiff klang, prozessierten alle Pferdebesitzer dreimal übers Deck, um die Gäule den Juroren angemessen zu präsentieren.

Das Versenken

Gleichzeitig erkletterten die jüngsten von jeweils Jungs und Mädchen das Course Yard (den ersten Querbalken am Main Mast), um die Pferde anschließend feierlich in den Ozean zu versenken. So wurden die Figuren mit einem Seil hinauf zu den Verantwortlichen befördert, diese schnitten es unter großem Jubel und Trubel los und am Ende wurden die sterblichen Überreste der Pferde wieder an Bord geholt (denn natürlich verschmutzen wir nicht den Ozean).

Schlussendlich bestanden alle Pferde den Schwimmtest und konnten leicht verletzt, aber definitiv tot geborgen werden.

Man over Board – Übung

Hilfreich dafür war mit Sicherheit auch der „Man over board drill“, der zuvor routinemäßig durchgeführt worden war. Gespannt schauten alle zu, wie der über Bord gegangene Mann, oder in unserem Fall eine Boje, durch geschicktes Manövrieren, Sailhandling und die schnelle Ausführung präziser Kommandos sicher wieder auf das Schiff geholt werden konnte.

Preisverleihung

Nun aber zurück zu unseren dead horses over board: Die Watchleader räumten im Finale die großen Preise ab (Bestechung lohnt sich auch nicht mehr, wie einige Gruppen ernüchtert feststellen mussten), der beste Name hingegen ging an Juicy, das Pferd der Jungs, und das merkwürdigste war mit Abstand das der Mädchen.

Verdiente Siege, aber dass weniger manchmal mehr ist, beweist der Sieg der Watchleadergruppe. Wie dem auch sei, nun, nach einem Monat an Bord und der Zeremonie, sind wir endlich richtige Seefahrer:innen!

Gruppe mit Dead Horse

Der Rest des Tages

Während die Pferde allesamt sehr tot waren, zeigte sich das heimische marine Leben hingegen äußerst lebendig. Den ganzen Tag lang begegneten wir Schildkröten, die mit eisernem Willen gegen die, zugegeben sehr seichte, Strömung und Wellen ankämpften.

Ein weiteres Highlight war der Fischschwarm, der direkt unter der Pelican entlang schwamm und von aufmerksamen Wachhabenden entdeckt wurde. Ein Anblick, den man so schnell nicht vergisst, wie die glitzernden, riesigen Fische mit ihren schillernd gelben Flossen unseren Weg kreuzten.

Wasserproben mit dem Science Pathway

Ähnlich aufregend waren auch Michis Wasseruntersuchungen, die an diesem Tag mehrere Male durchgeführt werden konnten.

Zunächst haben wir die routinemäßige Morgenmessung mittels CTD Sonde während der Fahrt durchgeführt, die uns einen kontinuierlichen Wertegradienten an Druck und Temperatur sowie die aktuellen Werte für Salzgehalt, Leitfähigkeit, Dichte und Schallgeschwindigkeit auf einer Tiefe bis zu 30m lieferte. Im Laufe des Tages bauten wir ein eigens von uns entworfenes Gerüst auf, um auch Tiefseemessungen durchzuführen.

Bei der ersten Messungen konnten wir die obigen Werte für eine Wassersäule mit 207m Tiefe bestimmen, bei dem zweiten Durchgang erreichten wir auf Grund stärkerer Strömung trotz stehendem Schiff lediglich 190m. Zusätzlich gelang uns die Entnahme einer Wasserprobe aus 150m Tiefe für weitere Analysen.

Unsere Messdaten werden demnächst auf ESRI in Form einer interaktiven Karte veröffentlicht, Interessierten lassen wir gerne auch die ausführlicheren Messdaten in Excelformat zukommen.

Zur genauen Durchführung erscheint in Kürze eine Videoreihe, in der unsere Schüler:innen die Sonde selbst, die Durchführung sowie die Datenauswertung vorstellen und erklären.

So war der Weg Richtung Kanaren für alle auf dem Schiff noch einmal richtig aufregend und eine gute Vorbereitung für die lange Atlantiküberquerung, die bald ansteht. Langweilig wird es uns jedenfalls nicht – mit Meerestieren zum Beobachten, wissenschaftlicher Arbeit und toten Pferden an Bord.

Lehrer mit Dead Horse
Unsere Lehrer:innen mit Dead Horse

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