Ocean College

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Netz? Höchstens ein Fischernetz

Datum: 16. März 2020
Autorin: Ella
Position: Nordatlantik
Geographische Position: 36°32.8N / 36°45.7W
Etmal: 165nm

Kein Handy, kein Netz-Empfang und schon gar kein Internet. Ein Segelschiff auf einem Ozean ist nicht unbedingt der ideale Ort für Menschen, die gerne erreichbar sind.

Ich gehöre da sowieso nicht unbedingt dazu (ich denke meine Mitmenschen zu Hause können das bestätigen), aber für manche von uns war es doch eine Umstellung nicht mehr “mal kurz anrufen” zu können, vor allem jetzt, wo man doch recht weit von seiner Familie entfernt unterwegs ist.

Man erlebt, lernt und sieht so viel Neues und Schönes, man hätte Unmengen an Anekdoten zu erzählen – dafür reichen die wenigen Stunden mit Handy und Wlan an Land eben nicht, teilweise muss man sich auch einfach entscheiden, wen man denn jetzt diesmal anruft oder ob sich das überhaupt mit der Zeitverschiebung vereinbaren lässt.

Neue alte Kommunikationswege

Aber ganz ehrlich – genau das macht für mich auch diese Reise aus. Wir können uns weiterentwickeln, unabhängiger und selbstständig werden und wir suchen uns neue Wege, ab und zu Lebenszeichen zu verschicken- Postkarten und Briefe zum Beispiel.

In einigen Orten haben die Verkaufsstellen für selbige mit unserer Truppe vermutlich das Geschäft ihres Lebens gemacht und dank des Schiffsstempels (Möglichkeit, Post ohne Briefmarken zu verschicken) werden auch manche Schreibmuffel zu wahren Poeten.

Postkarten sind dabei wirklich eine Herausforderung: Man muss sich kurz fassen, sehr kurz. Nur das Wichtigste eben, alles andere muss warten.

Wem das zu extrem ist, bleibt die Möglichkeit, einen Brief zu schreiben. Viel Arbeit, aber meiner Meinung nach eine der schönsten Varianten von Erlebtem zu erzählen, ohne wie bei einem Telefonat in Zeitdruck zu geraten.

Außerdem erleichtert mir das auch durch länger durchdachte Formulierungen zu beschreiben, was so alles passiert, denn ich denke eine der größten Schwierigkeiten ist, den Menschen zu Hause eine Vorstellung zu vermitteln, wie das Leben auf einem Schiff aussieht.

Handypause

Anfangs konnte sich so mancher wie gesagt nur bedingt an den Gedanken einer sechsmonatige Handypause ohne Netz gewöhnen, aber inzwischen ist das Feedback für die Regelung positiv – auf dem Schiff ist das Handy nutzlos und Zeit es zu verwenden hätte man sowieso nicht.

An Land bekommen die, die wollen, eine Chance ihre Familien oder Freunde anzurufen und man kann sich einen Überblick verschaffen, was in der Welt so los ist.

Funfact: Erst wurden sämtliche Fußballergebnisse zusammengetragen, dann erst kamen auch bei uns die Nachrichten über Politik oder das Corona-Virus an. Man setzt Prioritäten…

5 Monate ohne Netz

Für mich sieht das Fazit für inzwischen fünf Monate ohne Handy also folgerndermaßen aus:

Dem Kontakt zu den wichtigen Bekannten und Verwandten schadet auch eine Postkarte statt WhatsApp nicht, im Gegenteil.

Wenn man sowieso gar nichts mitbekommt, hat man erstaunlicherweise auch nicht das Gefühl, allzu viel zu verpassen – Segelschifflogik.

Und wenn man doch mal alle paar Wochen Nachrichten bekommt, freut man sich um ein Vielfaches mehr.

Googeln – nun, da gehen die Meinungen auseinander. Sagen wir: Wenn man es nicht mehr hat, fallen einem plötzlich so viele interessante Dinge ein, die man hätte nachschauen können… Aber wenn man stattdessen eine Umfrage innerhalb der Crew startet, bekommt man sowieso die schöneren, weitaus kreativeren Antworten.

Und falls sich manche die Frage stellen, was wir denn dann mit all der freien Zeit machen: Erstens haben wir die erstaunlicherweise nicht und zweitens, ob man es glaubt oder nicht, wir schlafen. Wann immer möglich.

Auch schön!

Ich freue mich jedenfalls schon jetzt erzählen zu können, was wir alles erlebt haben, persönlich, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, denn dann fällt einem wieder ein, was für eine fantastische Zeit wir hier verbracht haben.

Ella, ohne Netz

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