Ocean College

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Brief an meine Schwester

Datum: 7.12.2018
Autor: Marlen 
Position: Atlantik, nicht mehr weit bis in die Karibik
Geographische Position: 13°45.5, N 57°22.3 W
Etmal: 167 NM (total: 4767 NM)

Liebe Dodi, da du heute bei meinem Tag nicht dabei sein kannst, erzähle ich dir davon (und allen anderen natürlich auch).

In zwei Tagen kommen wir in der Karibik an und dann sind wir einfach auf der anderen Seite des Atlantiks! Diese Vorstellung ist echt unglaublich. Ich hoffe, bei euch daheim ist alles gut und ihr lasst euch von dem Schulstress nicht unterbringen. 

Der Tee, der heute morgen aus Deinem Adventskalender kam, war mein erstes Highlight des Tages. Ich habe mir eine Tasse genommen, den Tee aufgegossen und mich mit meinem Frühstück nach draußen gesetzt, wo gerade die Sonne aufging. Zudem gab es heute Porridge, das zweite Highlight (auch wenn Deiner unschlagbar ist). Weil es beim Frühstück immer heiß hergeht und sich jeder um das Schokomüsli reißt, habe ich mich entschieden, ein Stück zu Hause in unseren Alltag zu bringen und nur Haferflocken mit Cornflakes zu essen, auch sehr lecker!

Nach dem Frühstück hieß es für mich direkt, ab zur Wache! Dank des Wachwechsels bin ich jetzt nämlich in der Red-Watch und musste die heißgeliebte White-Watch verlassen. Ob du es glaubst oder nicht, aber die Wache von 00:00 Uhr bis 04:00 Uhr ist einfach die Beste und ich vermisse sie sehr! Aber man will sich ja nicht beklagen, denn auch in der Red-Watch kann man Spaß haben. Als wir wegen eines Crew-Meetings von der Brücke mussten, hat sich unsere Wache ins Motorboot gesetzt und Seemannsslieder von Santiano rauf- und runtergehört. Von „Leinen Los“ über „Männer mit Bärten“ und „Wasser überall“ war alles dabei.

Dadurch, dass wir sie fast täglich in der Wache hören, kann inzwischen auch jeder mitsingen, zumindest den Refrain. Lizzy hat mir währenddessen zwei Zöpfe geflochten und gerade, als sie fertig wurde, mussten wir zurück zur Wache. Wir haben uns auf die schattige Steuerbord-Seite gesetzt und High-School-Musical-Songs rauf- und runtergesungen. Als ich alles geträllert hatte (mehr oder weniger schief), wozu ich den Text kannte, stand der Blick auf die Uhr an.

Es kommt immer mindestens einmal in der Wache vor, dass ich auf die Uhr schaue und mir überlege, wie spät es jetzt bei euch ist (praktischerweise habe ich dazu eine zweite Zeitzone in meiner Armbanduhr) und was zu Hause passiert. Als ich heute auf die Uhr geschaut habe, war es bei uns 9:30 Uhr und weil wir momentan noch drei Stunden Zeitverschiebung haben und morgen erst die Uhren umstellen, war es demnach zu Hause 12:30 Uhr.

Das heißt, während ich auf die Wellen geblickt und den fliegenden Fischen beim Springen durch die Wellen zugeguckt habe, saßen Du und auch meine anderen Freunde in der Schule, bei schmutzigem Dezemberwetter, und haben den letzten fünfundzwanzig Minuten dieses Schultages entgegengefiebert. Während es daheim vermutlich immer kühler wird, wird es mir langsam zu warm und dabei sind wir noch nicht mal in der Karibik!

Ronja meinte, wenn sogar ich schon kurze Hosen trage, muss es wirklich warm sein, denn normalerweise gehören Nele und ich zu der Fraktion, die ausschließlich lange Hosen trägt. Die Sonne kletterte immer höher, genauso wie die Temperaturen. Wir haben uns möglichst lange im Schatten aufgehalten und über alles Mögliche geredet. Leider haben Lizzy und ich unsere „Deep-Talks“ heute nur zu zweit geführt, weil Theresa Küchendienst hatte, aber dafür haben wir einen Text an sie geschrieben.

Gestern hatten Theresa und ich nämlich die grandiose Nikolausidee, eine Geheimschrift zu erfinden und die musste heute natürlich geübt werden. So verging die Wache dann doch recht schnell, zumal ich andauernd unter Deck gerannt bin, um entweder Sonnencreme, Sonnenbrille oder was für den Kopf zu holen.  Ehe ich mich versah, war es Mittag und Nele kam zu unserer Wache hoch. Sie, Lizzy und ich hatten immer zusammen Sport gemacht, als wir noch die Nachtwache zusammen hatten, aber nun ist sie in einer anderen Wache.

Unser Sportprogramm behalten wir aber bei. Wir versuchen, jeden Tag zu dem Lied „Laurenzia“ Kniebeugen zu machen. Weil Anousch aber auch mitmachen wollte und wir die Liebesgeschichte von Laurenzia langweilig fanden, schrieben wir letztens einfach einen neuen Text und der geht so:
„Pelican, dear Pelican, with you we‘re searching for new land, since October. I hope October will never end, that we can stay on you, Pelican, dear Pelican.“

Das wird dann immer mehr bis April und bei jedem Monat und jedem „Pelican“ muss man eine Kniebeuge machen. Inzwischen sind wir Profis. Als wir fertig waren, kam dann auch schon die Wache zum Ablösen, sodass wir zum Mittagessen konnten. Ich habe mich an Lizzys Fersen geheftet, weil ich dabei sein wollte, wie sie die OC-Adventskalendersocke öffnet. Gestern zum Nikolaus durfte ich öffnen und schrieb deswegen heute für sie. Ich hatte ihr was Kleines gebastelt und sie hat sich sehr gefreut.

Nach dem Essen war nur noch Zeit für einen kurzen Mittagsschlaf von zehn Minuten (Powernap), bis ich zum Unterricht musste. Erst hatten wir Mathe bei Niki und da es die letzte Stunde vor dem Test war, haben wir noch mal viel rumgerechnet und Übungen gemacht. In Geschichte habe ich mich ein bisschen mit der deutschen Geschichte ab dem 15. Jahrhundert beschäftigt, bin aber nur bis zum ersten Weltkrieg gekommen. Da ich für die Schule zu Hause in Geschichte nichts machen muss, nutze ich die Zeit, um das zu machen, was mich interessiert.

Da macht der Unterricht gleich viel mehr Spaß. Ebenfalls viel Spaß hat meine Unterhaltung mit Christin gemacht. Sie ist mehr als nur eine Lehrerin für uns! Jetzt war eben Abendessen und weil Kiki nur ihre halbe Portion geschafft hat, habe ich sie unterstützt und mir den Bauch vollgeschlagen. Tabea hat nach dem Essen ihre Präsentation über die Grenzen eines journalistischen Berichts gehalten.

Meiner Meinung nach war es eine der besten Präsentationen, die wir an Bord bisher hatten und es war total spannend. Jetzt muss ich gleich noch Bio lernen, denn morgen schreiben wir unseren ersten Test und deswegen endet der Brief gleich. Rückblickend war es doch ein sehr ereignisreicher Tag – da muss ich wohl auch noch Tagebuch schreiben (Mama, das Tagebuch ist übrigens angekommen). 

Ganz liebe Grüße, ich hab dich lieb und du bist die beste Schwester der Welt!

Ebenfalls gehen Grüße an meine Eltern, Familie und meine Freunde raus. Ich hoffe, ihr genießt die Weihnachtszeit und esst ein paar Plätzchen für mich mit. Ich hab euch ganz doll lieb und denk an euch.

P.S.: Alles Gute zum Geburtstag, liebe Sarah, wünschen dir Elisa, Fabian und ich (Marcel).

P.P.S.: Alles Gute zum Geburtstag, Papa, hoffe, du hast einen super Tag gehabt. (Basti)

P.P.S.: Marlen and Justus yesterday. What about today? “He is a brave man and defeated sea sickness in a long lasting fight. He is the best in finding arguments in a debate which make some people wish he would be sea sick again. You can always find him listening to music spreading good vibes. // She supports me when we do the „Laurenzia“ dance and helped writing a new text for it. I’m glad that we are in the same watch again because she does a great job as a watch leader. Her hair is very long and beautiful and she is very helpful, funny and always listens to me. Also, she knows everything about invasive species, lives in Lübeck and has two brothers.”

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