Ocean College

Reiseblog 19/20

Mann über Bord

Datum: 5. November 2019
Autorin: Mara
Position: kurz vor Hafen, Teneriffa
Nautische Position: 28°23‘‘ 3‘/ N 16°12‘‘ 6‘ W
Etmal:114

Es ist Vormittag, der Himmel ist blau, die Sonne scheint und nur ein paar Wölkchen sind am Himmel zu sehen. Wellen klatschen leicht gegen das Schiff und wiegen es sacht hin und her.

Nach einem gelungenen Wendemanöver sitzen alle an Deck reden, lesen, hören Musik oder spielen Brettspiele. Alles ist ruhig und entspannt.

Auf einmal schallen laute Schreie übers Deck: ,,Man over board! Man over board! All hands on deck!”. Ich stehe auf und sehe mich verwundert um. Was ist denn jetzt los? Ist das ein Scherz? Auch die Anderen werden unruhig und fangen an durcheinander zu reden. In diesem Moment ertönt der Arlam. Also doch kein Fake?

Einige laufen hoch zur Bridge aufs poop deck*; als ich auch oben ankomme, seh ich noch, wie eilig auf dem GPS eine Markierung gesetzt wird, während hinter mir ein Rettungsring und eine Leucht- und Rauchboje über Bord geworfen werden. Ich drehe mich mehrere mal um mich selbst, aber ich sehe Niemanden im Wasser.

Doch plötzlich…

…stellen sich drei Schüler an die Reling und zeigen auf eine Stelle  im Wasser unweit vom Schiff entfernt. Und jetzt sehe ich es auch: Da vorne treibt jemand im Wasser! Nun finden sich noch mehr neben uns ein und unterstützen die anderen, indem sie ebenfalls Ausschau halten. Ich höre ein Brummen unter mir und als ich die Vibration unter meinen Füßen spüre, wird mir klar, dass der Schiffsmotor angelassen wurde, um schnellstmöglich zu wenden.

Ich frage mich, wer da grad ins Wasser gefallen ist. Das nächste was ich höre ist: ,,Hand the sails!“ , also das Signal, die Segel einzuholen. Alle übrigen Schüler verteilen sich nun auf den verschiedenen Decks und beginnen an den jeweiligen Seilen zu ziehen (haul) oder nachzugeben (ease). Ich hänge mich mit meinem ganzen Gewicht in das Seil und kann nur an ein Wort denken: Schneller! Schneller! Schneller!

Und es scheint, als ginge es den Anderen auch nicht anders. Sobald alle Segel eingeholt sind, wird der sogenannte Williamson turn eingeleitet, bei dem das Schiff erst mit dem Motor vom Opfer weg dreht, um dann in einer Art Schleife wieder zurück zu kommen. Als ich mich umdrehe und runter auf das Well deck* schaue, sehe ich, dass das Sicherheitsnetz an der einen Seite entfernt wurde und einige Leinen und daneben warme Decken bereitgehalten werden.

Fred in Sicherheit

Langsam nähern wir uns und ich erkenne, dass es Fred ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Als wir nah genug dran sind, werden die Leinen ins Wasser geworfen und er kurz darauf an Bord gezogen. Da er keinerlei Reaktion zeigt und er weder atmet noch einen Puls hat, werden die Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet. Als diese mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen sind, beginnen alle zu klatschen. ,,Well done guys. The security training is done.“

*poop deck= hinteres Deck auf dem sich die Brücke und das Steuerrad befinden

*well deck= mittleres Deck

Klettern – die wohl beliebteste Aufgabe an Bord

Datum: 03. November 2019
Autor*in: Florett
Position: Isla de Lobos
Nautische Position: 28°44.102 N/ 13°49.740 W
Etmal: 61Nm

Aufgaben an Bord

Wie Du Dir sicher vorstellen kannst, gibt es bei uns auf der Pelican immer etwas zu tun, denn auf einem Schiff wie unserem fällt viel Arbeit an.

Diese kleinen oder größeren Aufgaben unterscheiden sich teilweise sehr voneinander, doch es gibt eine Sache, die sie vereint – sie alle müssen getan werden.

Dabei ist es auch kein Wunder, dass sich schon von Anfang an klar herauskristallisiert hat, welche Aufgaben beliebt und welche eher verhasst sind. Sicherlich kannst Du Dir denken, wo sich das tägliche Klo und Dusche putzen einordnen lässt, was jeden Tag von einer anderen Wache übernommen wird.

Segel im Sonnenuntergang

Das Klettern

Die nahezu beliebteste Aufgabe allerdings ist das Klettern. Es steht immer dann an, wenn etwas an einem oder mehreren unserer vier Square Sails getan werden muss. Das heißt, bevor wir ein Segel setzen können, müssen wir in den Mast klettern, um alles vorzubereiten. Dasselbe gilt logischerweise für das Verstauen.

Das alles muss zwar recht oft getan werden, aber trotz allem gibt es immer wieder Diskussionen, wer zum höchsten Segel darf. Und diese sind gar nicht so unbegründet. Warum? Das wirst Du noch erfahren.

Wenn der Wind bläst…

Stell Dir einmal Folgendes vor: Du stehst an Deck der Pelican und hältst Dich an einer der Safetylines fest. Das musst Du auch, denn der Wind bläst so doll in die Segel, dass das Schiff einiges an Schräglage hat. Dazu kommt, dass Du von den Wellen hin und her geworfen wirst und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, schon längst seinen ursprünglichen Platz verlassen hat.

Von drinnen hörst du etwas klirren. Wahrscheinlich war es einer der Topfdeckel, der in seiner Halterung von der einen zur anderen Seite des Schiffes gerollt ist. Du schaust wieder aufs Meer hinaus. Weit und breit ist nur Wasser um dich herum – Wasser mit tanzenden Schaumkronen darauf.

Eine der Wellen schwappt über die Reling und spritzt Dir ihr kaltes, salziges Wasser ins Gesicht. Und obwohl du jetzt nass bist, freust Du Dich, dass Du dieses Mal von der Seekrankheit verschont geblieben bist. Plötzlich reißt Dich eine Stimme aus Deinen Gedanken.

… und man gefragt wird, ob man in den Mast klettern will

Du wirst gefragt, ob Du in den Mast klettern möchtest. Dein Blick wandert nach oben und du überlegst. Du erinnerst dich daran, wie sehr das Boot schaukelt. Es würde die Sache sicher nicht gerade einfach machen. Und dann fragst Du Dich, was Dich eigentlich dort hoch zieht. Ob es das Gefühl der Freiheit oder diese so andere Perspektive ist, die Du von da oben hast, kannst Du nicht genau sagen. Vielleicht liegt es auch daran, dass dort oben alles so leicht erscheint und deine Gedanken so viel klarer sind.

Und obwohl dein Herz vielleicht ein bisschen schlägt, entscheidest Du Dich zu klettern. Deine Kletterausrüstung wird noch einmal gecheckt und dann geht es los. Du hakst Dich mit dem Karabiner ein, erklimmst die Reling und beginnst zu klettern.

Gar nicht so schwer!

Irgendwann hast Du Deinen ganz eigenen Rhythmus gefunden und je höher Du kommst desto stärker zieht der Wind an Deiner Kleidung. Du hättest nicht gedacht, dass das Klettern nun doch so einfach ist. Oben angekommen kletterst Du auf das Yard des T’Gallants. Du lehnst Dich nach vorne und versuchst das flatternde, sich aufbauschende Segel zu falten und es zwischen Deinem Bauch und dem Yard einzuklemmen, um es dann mit den Gaskets hochzubinden.

Florett am Steuer

Es dauert noch eine ganze Weile, bis Du es geschafft hast, weil das Seil, auf dem deine Füße stehen, hin und her wackelt. Obwohl Du fertig bist, bleibst Du noch ein bisschen hier oben. Der Wind bläst in Dein Gesicht und Du atmest die salzige Luft tief ein. Von hier oben sind die Wellen sehr viel kleiner und Du kannst das ganze Schiffsgeschehen beobachten. Irgendwann, wenn Du bereit bist, kannst Du wieder runter klettern. Dann wirst Du noch ein Mal nach oben schauen und ein Lächeln wird sich auf Deinem Gesicht ausbreiten und dann wirst Du wieder wissen warum es Dich dort hoch gezogen hat.