Ocean College

From the Blog

Dem Alltag entsprang ein großartiger Tanz

Datum: 01.12.2018
Autorin: Penelope
Position: Atlantic 
Geografische Position: 15°30.3‘ N 39°53.6‘ W @17:00
Etmal: 161 NM (Total: 3731 NM)

Wie ein Vogel flog ich einst frei durch die Lüfte. Niemand gab mir vor wohin. So folgte ich also meinem Instinkt. Über Felder und Berge zog es mich zum Meer. Dort heftete sich meine Aufmerksamkeit auf ein Objekt. Es war benetzt, verflochten durch Taue, bekleidet mit weißem Tuch. Es schwamm auf dem Wasser wie ein hölzernes Floß. Dort blieb ich, zu lange verweilend. Das Meer, es schloss sich, umkreiste das schwimmende Boot. Bis schon bald kein Ausweg zu finden war und ich gefesselt bemerkte, nirgendwo Land zu erreichen; noch nicht mal im Blickfeld befindend.

Die Tage, sie zogen sich im Gleichklang zusammen. Der Alltag übermannte die ewige Flut, der Horizont dehnte sich in die Ferne, bis ringsherum die gleiche Weite zum Festland sich in die Länge zog. Doch dann fühlte ich etwas entstehen, rasche Aufregung ringsherum, aus der Küche entflohen verlockende Düfte, ein roter Socken hing an der Wand der Messe – mit Beschreibung einer bestimmten, durch Zufall gewählten Person. 

Hatte das also alles etwas mit dem ersten Dezember zu tun? Doch warum entschnitten sie dann alten Bettlagen Streifen in Krawattenform? Und aufgehängt wurden fleddernde, kunterbunte Fetzen, befestigt an einem weißen Band. Gespannt wurden diese am Deck quer über das ganze Schiff. Glühwürmchen verweilten an diesen Gespannen. Und immer wieder trat ein Junge zu einem Mädchen und ließ die Frage erklingen, wie sie schon des Öfteren am Vortag erklang: “Möchtest du mich zum Ball begleiten?”.

Begleitet von einem entzückenden Glanz. Darunter mischte sich auch des Häufigeren die mittlerweile alltägliche Frage “Lebst du noch?”. Wie soll ich das alles richtig begreifen, wenn nicht am Ende eine Auflösung folgt? Im Deutschunterricht behandelten sie Kurzgeschichten. Hat das etwas mit dem Ganzen hier zu tun? Vielleicht eher nicht, doch war dies interessant zu betrachten, wie sie sich die Köpfe zerbrachen, vornüber gebeugt, grübelnd über den Inhalt der wenigen Worte saßen.

Eine Vermutung auf die Einladung der Jungen bezogen: War es etwa ein Mid Atlantic Ball? Dies würde erklären, wieso plötzlich alle, mit Inhalt fremder Kleiderschränke bewaffnet, eilig aus den Duschen sprangen und sich herausgeputzt mit Fliege und Krawatte um Punkt 18:30 Uhr auf dem Weatherdeck versammelten. So langsam ergab alles einen Sinn.

Nun, um ein paar Namen zu nennen, fangen wir mit einem an. Nils mimte den Moderator und kündigte sogleich “unseren Ehrengast“ an. Dieser nannte sich Benita, kam im raschelnden, schwarzen Gewand elegant an der Seite des ersten Offiziers heran. Sie posierte, der Mund rosa bemalt und probierte schüchtern zu wirken, mit der Hand kokett immer wieder das Gesicht bedeckend.

Das raschelnde, schwarz glitzernde Kleid, das schon fast zu sehr an eine Mülltüte erinnerte und nur das Nötigste zu bedecken wünschte, stand ihr überraschend. Nun stellt sich die Frage: Ein blinder Passagier oder woher diese fremde Schönheit stammt? Vielleicht kann man sie mit dem Fehlen des Kapitäns in Verbindung bringen? Darauf folgten noch viele weitere Namen.

Genannt in Paaren drehten sie eine Runde um das Dinghi. Welchen Zweck dies verfolgte, darf sich jeder selber zusammenreimen. Darunter befanden sich Mischungen aus der Kleinsten mit dem Großen und dem Dreiergespann, bestehend aus der blonden Deutschgelehrten, begleitet von James Bond und seinem Nebenbuhler, den sie noch zu ermorden plante, wäre ihr da nicht Theresa zuvorgekommen. 

Dankbar waren allesamt dem DJ Poldi, der uns den ganzen Abend mit Musik beglückte und seine Begleitung auch ab und zu beim Tanzen entzückte. Wie die unerfahrenen Tanzwütigen durch die Expertin Ronja erfuhren, galt es, bestimmte Schritte zu gehen, Drehungen zu drehen, sich dem Takt der Musik anzugleichen. Die Konzentration der Meisten lag allerdings darauf, die Wellen auszugleichen, um den Partnern nicht zu viele Schmerzen zu bereiten. Trotz all ihrer Bemühungen muss ich leider berichten, das Taumeln an Deck war mehr amüsant als entzückend. 

Nach einiger Weile fing die Musik an zu schweigen und der Duft aus der Küche entfachte Gelüste, die sogar mir das Wasser im Mund zusammenfließen ließen. Das Buffet, erstellt von der wohl allerbesten Köchin, bestückt mit Süßem wie Salzigem, ließ uns allen das Herz erweichen. Vielleicht erklärt dies auch den Applaus, der krachend  schallend ihr zu Ehren erklang und mich mit der Dankbarkeit dieser verband.

Darauf folgten merkwürdige Ereignisse, deren Sinn mir ein Rätsel bleiben werden. Doch macht euch selbst ein Bild und sucht nach dem Sinn, wieso die Mannschaft das trockene Dinghi bestieg, um ihr Überleben kämpfte, als wären sie direkt auf offener, rauer See oder warum sie Schlangen bildeten, sich gegenseitig anbrüllten, ein sogenanntes Schere-Stein-Papier spielten bis sie am Ende eine Einheit gründeten.

Und wie kommt ein Maschinist dazu, die Gruppe zum Macarena-Tanz aufzufordern? Vielleicht, um dem Zwang, es alleine aufführen zu müssen, zu entkommen? Und wer hätte gedacht, dass der Bosun’s Mate mit solcher Eleganz und solchem Charme ausgestattet ist und die ganze Mannschaft mit vollem Organ zu unbekannten Shantys anzustimmen weiß? Hat das alles etwas mit den Zetteln am Anfang zu tun, die jeder Ballgast zu Beginn des Abends zog? 

Leider nahm das Ganze viel zu schnell ein Ende und der Glanz verschwand, als der Kapitän, der auftauchte und die mysteriöse Benita verschwand, dem Abend einen Ruck Richtung Ende gab. Die Musik verstummte und die Licher verklangen, doch die Stimmung nicht abhanden, noch vorhanden in den Gedanken ihrer und meiner, um sie ewig im Gedächtnis zu bewahren.

So brachte sogar der allbekannte Gitarrist seines Mädchens Herz zum Weinen durch ein Geschenk von eingravierten Koordinaten. Um ihr, und mit ihr uns allen, diesen Abend ewig ins Gedächtnis zu bannen.
So viele neue Eindrücke rasselten auf mich ein. Wie lange werd ich hier wohl noch verweilen?

P.S.: Wer wohl heute den Adventskalender in der Messe öffnen dürfte? Es fand sich eine kleine Notiz daran: TO BE OPENED BY „She doesn‘t seem to stop smiling. And when she smiles at you, oh, you just have to smile back at her! Listening to music makes her happy. She is so ambitious! Although she is doing the night watch, she gets up even before school in order to do school. When she finds the time, she writes articles for her local newspaper. Isn’t she lovely?“

P.P.S: Von Theresa: Einen ganz schönen Advent an meine Familie und Freunde zuhause!

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