Ocean College

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Nele auf Schiff

Der Tageslauf: Ein Rennen durch meinen Tag

Datum: 26.03.2019
Autorin: Nele
Position: Nordatlantik
Nautische Position: 33°31’6 N; 42° 40’5 W
Etmal: (total) 1807 NM

Liebe Eltern, liebe Freunde, liebe Familien, liebe Leser*innen,

ich befinde mich heute, am Dienstag, den 26. März auf der TS Pelican of London.

Es ist 6:45 Uhr, der Startschuss des Tages fällt in 5, 4, 3, 2 ….. „Nele, aufstehen es gibt Frühstück!”

Robert rüttelt mich, leichtes Seufzen und gewusst wie, der schnelle Handgriff zur Lampe. Weiter links, weiter oben, ach nein, doch vorbei, nach mehreren Fehlgriffen kommt der Erfolg, Licht an und somit die ganz klare Demonstration an den Weckdienst: Ich bin wach, lass mich in Frieden.

Doch noch ist die erste Herausforderung des Tages nicht geschafft. Der innerliche Konflikt folgt schnell, schlafen, frühstücken, schlafen frühstücken.

Uuuund… Der Sieg, ein enthusiastischer Schwung aus dem Bett und das morgendliche Kopfanstoßen folgt. So sehen Sieger aus, meine Damen und Herren, so sehen Sieger aus.

Frei nach dem Motto ‚eat that frog‘ wurde der Tag begonnen. Doch noch ist es nicht entschieden, noch nicht, es folgt die nächste Hürde: Wache! Ein guter Start wird zumindest hingelegt, pünktlich um acht Uhr erreiche ich die Brücke, auch dem ersten Dienst am Steuerrad geschickt ausgewichen, es geht weiter bergauf.

Doch was ist das, hab ich das richtig gehört?! Kein Fasnacht in Lübeck? Das gibt es doch nicht! Aber davon lasse ich mich in dem Tageslauf nicht zurückwerfen, eine schnelle Gesangstunde mit Lizzy wird eingelegt und grundlegende Fasnachtslieder im Schnelldurchlauf geklärt.

Aber was ist das? Physik statt Wache? Muss ich gerade ehrlich in meiner Wache einen Physikvortrag halten? Zweifel kommt auf, aber es gibt kein Entkommen 25min gelangweilten Gesichtern etwas Physikalisches Nahe bringen anstatt eines Ausgucks auf den Ozean.

Es war ein wahrer Rückschlag. Doch ich habe mich aufgerappelt, uuuund Bracing Station.

Das klingt nach Arbeit, das klingt nach Spaß, neue Energie für den weiteren Tageslauf.

Vorsails: Zack Zack in guter Geschwindigkeit erledigt. Mit erleichterter Miene kehre ich zurück aufs Welldeck.

Doch was höre ich da? Pete überträgt mir die Verantwortung das Topsail und T-Gallant einzuholen. Adrenalin schießt ins Blut. Die nächste Herausforderung steht bevor. Wird mich diese Hürde meinen Vorsprung kosten? Mit freudiger Stimme rufe ich, die zur Routine gewordenen Kommandos über das Deck. T-Gallant: geschafft, Topsail: geschafft.

Ein lobendes Schulterklopfen des Bosuns, Pete: „well done“. Ein Hochgefühl, diese Aufgabe verschafft mir weiteren Ansporn und ich halte mich wacker. „Nele, du musst an das Steuer“. Ouhhh, zu früh gefreut, das gibt es nicht, nach so viel Freude solch eine Ausbremsung. Uuuunfassbar.

Auf Kurs, vom Kurs abgekommen, Korrektur nach Port, Korrektur nach Starboard. Das geht besser, da bin ich heute wohl zu früh aufgestanden, falsche Entscheidungen am Morgen bereiten am Steuer später Sorgen.

Doch was ist das?! Eine weiße Kreatur erscheint am Horizont, für Land zu früh, für Eis zu südlich und für einen fliegenden Fisch zu schön. Es ist zu fern, fehlende Investitionen in einen Sehtests machen sich bemerkbar.

Doch dann die Auflösung: eine Schwalbe. Meine lieben Leser ist das zu glauben?! Erst die 10.000 Seemeilen vor ein paar Tagen geknackt und jetzt eine Schwalbe inmitten des Nordatlantiks.

Liebe Eltern, machen Sie sich auf die Tattooanfragen Ihrer Kinder gefasst.

Doch zurück zum Lauf des Tages. „Nele, du hast vergessen mich zu wecken!“ Schande, Schande, Schande. Ganz klarer Anfängerfehler, was ein Rückschlag, doch Kira R. verzeiht mir mein Versagen als Weckdienst und ich versuche die Niederlage zu verkraften.

Wir sind in der Schule angekommen, der Wettkampf bleibt spannend, der Physikunterricht nicht. Harte Zeiten kommen und Erschöpfung macht sich breit, ganz ganz klarer Rückfall. Die Augenlider werden schwer, Sekundenschlaf tritt ein, Augen zu, Augen auf, Augen zu, Augen auf, ein Kampf mit mir selbst und kein Ende in Sicht.

Doch dann die Erleichterung: Schulende und Abendessen.

Der Lauf neigt sich dem Ende zu und mit gleichmäßiger Atmung vergeht Minute um Minute.

Gleichauf mit Christin und Miriam. Mit Gesellschaft und in Meeresluftbrise neigt sich der Tag und mein Lauf dem Ende entgegen, man könnte fast meinen, er verliert seine Spannung.

Doch was ist das, meine Damen und Herren? Furcht macht sich breit. Christin kündigt einen ihrer unfassbar schlechten Witze an. Nein, das darf nicht wahr sein, es gibt keine Möglichkeit der bevorstehenden Hürde auszuweichen. Das Lehrerpaar schlägt zu: Miriam wirft Christin einen Einstieg zu. Kriegt sie ihn oder nicht? Das ist hier die Frage uuuund… neeein!

Verfehlt, einfach verfehlt, dabei war das doch so eine gute Vorlage von Miriam. Enttäuschung macht sich breit. Zweiter Versuch. Gleiche Vorlage von Miriam: „Christin, wie hast du eigentlich geschlafen?“ Christin reagiert diesesmal grandios schlagfertig: „Naja, ich hab den Bezug zu meinem Bett verloren!“ Badum tz.

Meine Atmung wird unruhig, einen Lacher konnte ich mir nicht verkneifen. Meine Damen und Herren, solch ein Humor macht den Tageslauf schwerer.

So versuchen die Lehrer hier, uns aus dem Rennen auszustechen, eine Frechheit. Um nicht weiter in meinem Lauf beeinträchtigt zu werden, wage ich den Weg von den Picknicktischen an Deck nach drinnen. Souverän habe ich mich aus der Bank bugsiert ohne Unschuldige dabei ernster zu verletzen.

Immer eine Hand am Schiff lautet die goldene Regel bei unseren täglichen Tagesläufen mit über 15 Grad Schräglage. Hier zeigt sich die Erfahrung aus monatelanger Übung.

Zunächst dient die Reling als Stütze. Doch was folgt nun, es wird spannend, es wird spannend: drei Meter ohne sich festzuhalten. Die Todeszone überquere ich geschwind mit einer Hand als Gewichtsausgleich und in der anderen den Teller.

Waghalsig, waghalsig…

Fast angekommen uuuuuund neeein. Das ist doch nicht zu glauben. Pete sucht das Gespräch, mitten in der Todeszone. Die Aufgabe rückt eine Schwierigkeitsstufe hoch. Ein reines Taumeln, meine lieben Leser und Leserinnen, als Außenstehender kaum zu glauben, dass es sich bei der Pelican of London um ein dry ship handelt.

Doch zurück zu Pete’s Problem. Es ist die Tasse, meine Damen und Herren, die Tasse.

Pete liebt schwarzen Tee und liebt dreckige Tassen, was mich in meinen täglichen Tageslauf dazu bringt seine benutzte Tasse nach höchstens drei Tagen einmal grundzureinigen.

Täglich beschwert er sich jedoch über seine saubere Tasse, schließlich schmecke der Tee besser aus einer schmutzigen Tasse. Ich erwarte nun also eine kindliche Anschuldigung, aber der Schein trügt.

Was sagt er da? Aber nicht doch. Skandal!

Seine Lieblingstasse hat einen Sprung. Wie ein Schlag ins Gesicht fühlt sich das an, Mitleid macht sich in mir breit. Pete ist den Tränen nahe, betet zu Gott und ist damit für den heutigen Tageslauf disqualifiziert.

Der emotionale Rückschlag ist für ihn nicht zu verkraften. Ich gebe ihm einen letzten sportlichen Tipp, seine geliebte Tasse beim nächsten kleinen Sturm vielleicht nicht draußen stehen zu lassen. Mein Blick richtet sich, trotz kameradschaftlichem Leiden weiter in Richtung der Zielgeraden, es bleiben noch ein paar Minuten bis zu unserem Meeting, die letzte Hürde des Tages.

Ist das zufassen, die Spannung steigt. Es gibt ein Gespräch über die Schiffsübernahme von den Azoren bis Bolougne. Bewerbungen müssen geschrieben werden. Die Augen weiten sich, der Puls wird schneller. Ehrgeiz macht sich breit, die ersten Überlegungen für eine ideale Bewerbung als Bosun überfluten den Kopf.

Doch was ist das, meine Damen und Herren, sehe ich das richtig? Es ist nun schon wieder halb elf? Nur noch ein paar Handgriffe fehlen, Zähne putzen, Haare flechten, Bett freiräumen.

5, 4, 3, 2, 1 und Ziel, Ziel, es ist vollbracht.

Es ist geschafft, das Bett erreicht, etwas verspätet, aber immerhin. Die Blicke schweifen von den Luftballons des vergangenen Geburtstags über die Bilder von meinem Pony, das Zuhause wartet. Ich schließe die Augen, lausche den Wellen und lasse die 5 Monate Revue passieren.

Erinnere mich an meine vergangenen Läufe und bedauere diese bald vermissen zu müssen. Auch wenn ich diese Läufe nicht immer mit Erfolg gemeistert oder gar gewonnen habe, habe ich meine Leidenschaft entwickelt und ich lerne mit den täglichen Herausforderungen umzugehen.

Indem ich Christins Humor immer besser finde, Pete’s Tasse immer öfter wasche, Segel immer lieber setze und immer besser mit der Schräglage umgehen kann.

Also freue ich mich, morgen auf einen hoffentlich besseren Start aus meinem Bett. Meine sehr geehrten Damen und Herren, hiermit gebe ich das Wort zurück an das Büro in Berlin, ich danke für Ihr Mitfiebern.

Sportliche Grüße, Nele

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