Ocean College

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Die Farben des Meeres

Datum: 31.12.2018
Autor: Niki
Position: Puerto Limón, Costa Rica 
Geographische Position:  009° 59.242N, 083° 01.597W 
Etmal: 101 NM (total 6762 NM)

„Das Meer ist so grün heute“, sagt Nele beim Frühstück. Und recht hat sie! Es ist frühmorgens schon schwül, diesig zeichnet sich die Küstenlinie Costa Ricas ab und das Wasser, das uns umgibt, hat eine ähnlich milchig-grüne Farbe wie die hügelige Regenwaldlandschaft im Dunst am Horizont.

Am 31.12. zeigt sich das Nass also zur Abwechslung saftig grün. So viele verschiedene Farben hat das Meer schon angenommen! Was für ein Geschenk, dass wir uns auch am neunundsiebzigsten Tag dieser Reise noch die Augen reiben können, sobald wir das Weather Deck betreten und entdecken, dass um uns herum schon wieder alles anders aussieht als an allen Tagen zuvor. 

„Niki, warum ist das Meer so golden?“, hat mich Sinan vor ein paar Tagen gefragt. „Wie so ein Ölgemälde!“ Es stimmt: die Sonne ging gerade im Osten über der Karibischen See auf, ausnahmsweise hinter kleinen Schäfchenwolken versteckt, aber mit einer kraftvollen Helligkeit, die die Wolken im Westen knallgelb erstrahlen ließ.

Die See hatte sich nach windigen Tagen etwas beruhigt und die Dünung hatte sich geordnet. Lange, glatte Pinselstriche zeichneten glänzende, goldene Linien ins Wasser. Wie so ein Ölgemälde! 

„Niki, komm mal schnell mit auf die Brücke. Das hast du noch nie gesehen!“, natürlich beeile ich mich. Theresa steht nachts am Steuerrad und der schwarze Atlantik hinter ihr funkelt und glitzert wie verrückt. Kleine und große Punkte leuchten auf und sind sofort wieder verschwunden.

Als wollte das Meer dem atemberaubenden Sternenhimmel Konkurrenz machen. Eine natürliche Diskokugel. Es sieht beinahe unwirklich aus. Und weil sich der Anblick jede Sekunde ändert, wird das eine sehr kurzweilige Nachtwache. 

An einem anderen Tag: Die Wellen schlagen hoch, besser man trägt Gummistiefel an Deck und hält sich gut fest. Die Pelican fliegt. Ihre Flügel schlagen weit nach Backbord und Steuerbord aus. „Am schönsten ist es, wenn man durch die Spitze der Wellen die Sonne sehen kann“, findet Sebastian.

Das Wasser wird zu Glas in diesem Moment und verliert all seine Farbe. Hielte man in diesem Moment die Zeit an und wäre es nicht so verflixt heiß, man könnte es sich gefroren vorstellen so eisig-klar sieht es aus. 

So viele Farben! Und von den unendlich vielen verschiedenen Blautönen, die uns seit unserer Abreise in Dublin umgeben, war noch gar nicht die Rede. Ein stählernes, graues Blau in der Irischen See. Ein türkises Bilderbuchblau in der Karibik. Ein tiefes, dunkles Indigoblau weit entfernt von jeder Küste.

Und dann sind da ja auch noch die Formen und Strukturen, das Kräuseln und die Streifen, die Wellen und die Gischt, der gespiegelte Himmel und das Glitzern der Sonne. Wenn der Mond aufgeht, kann das schwarze Nachtmeer auch ganz weiß werden. Ich frage mich: Haben wir überhaupt jemals das gleiche Bild, jemals die gleichen Farben gesehen? Erinnerungen, die schwer festzuhalten oder zu beschreiben sind. Mitbringsel einer Atlantiküberquerung. Die Farben des Meeres. 

Heute Nacht um zwölf wird das Wasser noch einmal bunt aufleuchten, wenn sich das Sylvesterfeuerwerk von Puerto Limón darin spiegelt. Das wird unser vorübergehender Abschied vom Ozean, der uns über sechstausend Seemeilen bis hierher getragen hat.

Morgen verlassen wir die Pelican und genießen ein paar Wochen Bewegungsfreiheit in Costa Rica. Wir freuen uns auf die Rückkehr zum Schiff. Denn satt gesehen an den Farben des Meeres haben wir uns noch lange nicht. 

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