Ein bisschen Zuhause

Schiff: Johann Smidt
Datum: 01.03.2026
Position: St. George , Bermuda
Geographische Position: 32°22,7N 064°40,9W
Etmal: 0 nm ( total 8654 nm)

Stellen Sie sich vor: Sie leben seit vier Monaten auf einem Segelboot, erleben Abenteuer und intensive Beziehung mit Gleichaltrigen. Diese Erfahrung können wir gerade eben machen.

Ein Teil des Programms, der dasselbige so besonders macht, ist, dass wir kein Handy haben. Am Anfang der Reise wurde uns dieses kleine Gerät abgenommen, was sonst so vieles in unseren Leben bestimmt. Am Anfang war es schwierig und ungewohnt, dieses Gewicht nicht in der Hosentasche zu spüren, nicht kurz die Zeit darauf ablesen und alle möglichen Dinge binnen Sekunden nachschlagen zu können.

In der ersten Woche fehlte uns das alles noch. Jetzt nach vier Monaten ist das Leben ohne Handy zum Alltag geworden. Unsere Hosentaschen sind meistens leer, nur manchmal haben wir ein Taschenmesser drinnen.

Wer die Zeit wissen will, schaut auf eine analoge Uhr oder fragt jemanden mit einer eben solchen. Auch Google brauchen wir nicht mehr, denn die Bordwahrheiten sind die besten Wahrheiten, auch, wenn sie nicht immer stimmen.

Außerdem kann man bei Landstopps immer die Einheimischen fragen oder an Bord in einem analogen Lexikon nachschauen, wenn man Informationen braucht. Diese Methoden sind uns mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Wir bekommen zwar auf der Reise fünfmal unser Handy, aber meist nur für einige Stunden. Heute war einer dieser Tage, an denen wir für drei Stunden unsere Handys bekamen (da das erste Mal recht kurzfristig an die Eltern kommuniziert wurde, ist dies das zweite Mal in Bermuda, wo wir ein Handy bekommen haben).

Schon am Morgen mussten wir alle unsere Geräte anstecken. Dann folgte ein gründliches Reinschiff, beim dem wir alles bis auf die letzte Ritze säuberten. Nach dem Mittagessen gab Sören die Handys heraus und es fing an: Die Zombieapokalypse. So wie in einem Bilderbuch über die Generation Z hängen unsere Blicke fest am kalten Display, über dem wir endlich wieder mit unseren Lieben kommunizieren können.

Oft wird gelacht, in erster Linie aber wird viel erzählt. Das kleine schwarze Gerät zieht uns mehr und mehr weg in eine andere Welt. Hin zu unseren Familien und Freunden, mit denen wir reden, zurück nach Hause.

Neuigkeiten werden ausgetauscht, man hört das Rufen der kleineren Geschwister im Hintergrund
und man fühlt sich ganz wie Zuhause. Es wird viel gefragt und einen Großteil der Zeit verbringen
ich damit, verschiedensten Leuten exakt das Gleiche zu erzählen.

Wir schauen nach Wochen wieder auf unseren Instagram-Account und sehen, was unsere Freunde alles machen. Da wir unsere Handys schon vor vier Tagen hatten, dachten wir alle, es sei seitdem kaum Zeit vergangen. Als aber unsere Familien zu erzählen begannen, merkten wir, das vier Tage schon eine ganze Menge und einiges dabei passiert ist.

Wenn ich mich vor die Reise zurückerinnere, muss ich zugeben, dass vier Tage ohne Handy da wie eine ziemliche Herausforderung wirkten, heute nehme ich sie kaum wahr. Drei Stunden telefonieren wir mit unseren Freunden und unserer Familie. Mit dem Gruß: „Bis zu den Azoren!“ verabschieden wir uns.

Dort werden wir das Handy ein letztes Mal auf der Reise bekommen. Die Zeit bis dahin wird schnell verfliegen und die Abenteuer und Herausforderungen, die wir bestehen werden, finden wieder in einer ganz anderen Welt statt. Heute hatten wir einen kleinen Vorgeschmack auf Zuhause.

Es ist ein bittersüßer Geschmack: Er verbindet die Vorfreude auf Zuhause mit der Traurigkeit darüber, das dass alles bald vorbei ist. Ich versuche jeden Augenblick zu genießen und alles in mich aufzusaugen: Bermuda mit seinen netten Häusern und prachtvollen Stränden, die Johnny mit ihren Segeln und allen schönen Arbeiten, die sie bringt und vor allem all die Menschen, mit denen ich unterwegs bin:

Unsere Crew, unser Medic, unsere Lehrern, und die anderen Schülis. Ich genieße es, mit ihnen zu reden und zu debattieren, mit ihnen zu essen und zu leben und in gemütlicher Runde mit ihnen zu sein.

Auch wenn ihre Eigenarten mich manchmal nerven und ihre Ticks mich in den Wahnsinn treiben: Wir haben so viel zusammen erlebt und zusammen geschafft. In dieser, unserer Welt des OC25/26 , leben wir seit vier Monaten und noch ist es nicht Zeit zu gehen.

Sören: Hola Jana! Als treue Tagesberichts-Leserin werden Dich diese Grüße sicher erreichen. 😉 Während Du heute Deinen 20km-Run gemacht hast und der Frankfurter Halbmarathon immer näher rückt, verlief unser Tag mit Reinschiff und Handyzeit für die Schülis unspektakulärer. Freue mich schon darauf, wenn wir im April zusammen laufen gehen! Ach ja, und als Beweis, dass Du das auch wirklich liest, sendest Du mir in WhatsApp deinen Lieblingssong von Ziggy Alberts. 🙂 Cheers Sören

Nepomuk: Ihr Lieben, es war herrlich, mit euch heute zu telefonieren! Ich habe es sehr genossen. Ich freu‘ mich schon sehr auf den Azoren von euch zu hören!

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