Ocean College

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Haare Schneiden

Ein neuer Tag mit den Verrückten

Date: 18.03.2019
Author: Helena
Position: Bermuda 
Nautical Position: 32° 21.6N  64º 34.9W
Etmal: 9586 nm

Gruppenleiter Nikolas Napierala hatte mir gegenüber kürzlich von vermehrt auffälligen Verhaltensmustern unter seinen zu betreuenden Jugendlichen berichtet.

So habe er beispielsweise eine Elly dabei beobachtet wie sie sich rege mit einem von Penelope gebasteltem Blechpferd unterhielt oder ein gewisser Fabian sich einen Traum-Hamburger aus etwa 100 verschiedenen Zutaten zusammenstellte.

Herr Napierala mache sich langsam doch Sorgen, dass die Schüler*innen nach so langer Zeit auf See ein bisschen durchdrehen könnten. Darum stehen sie jetzt unter psychischer Betreuung, die ich leite. Und mein Name ist Heide. Dr. Heide.

Der Regen prasselt auf die wunderschöne Pelican nieder und ist sogar unter Deck in manchen Betten zu hören, wo viele ausnahmsweise sogar bis 08:00 Uhr liegen bleiben, weil beinahe jede*r das Frühstück verschlafen hat. Doch wir haben noch einen langen Tag vor uns, also heißt es raus aus den Federn.

Die erste Gruppenaufgabe wartet draußen im strömenden Regen. Wir verlegen unsere Pelican zum Tanken einige Meter nach vorne und brauchen dafür einige Freiwillige zum Helfen. Die erste Diagnose: Ja, sie sind definitiv zur Verrücktheit veranlagt, denn es finden sich tatsächlich Schüler*innen, die FREIWILLIG mit Leinen und der Gangway helfen. Doch der Tag soll noch weitaus nasser werden… 

Es fängt an, als gegen 9:30 Uhr eine Frau von der lokalen Organisation ‘Keep Bermuda Beautiful’ kommt. Sie hält einen Vortrag und zeigt viele Plastikteile, die sie eingesammelt hat. Einige sind über mehrere 1000km mit Strömungen über den Atlantik getrieben. (Hier sitzt jetzt Sinan, einer der Patienten neben mir, der darauf besteht, dass ich hinzufüge, dass eines der Teile über 8000km getrieben ist.) 

Obwohl es wirklich regnet, als ob die Sintflut eingesetzt hätte, ziehen wir gemeinsam los und laufen zu einem ca. 20 Minuten entfernten Strand. Auf der Straße werden wir immer wieder irritiert angelächelt, was ich ziemlich gut nachvollziehen kann. Kein Mensch ist bei diesem Regen draußen unterwegs.

Die Gruppe hat ausnahmslos durchgeknalltes Ölzeug mit diesem gewissen Wiedererkennungswert an. Also waren wir ein großer Haufen pinker und weißer Leute mit schwarzen Schlabberhosen, Gummistiefeln und mit neongelben Kapuzen. 

Als wir über den letzten Hügel geklettert waren, bot sich uns ein unglaublicher Anblick. Dass die zu therapierende Gruppe nach all den karibisch schönen Stränden immer wieder die Schönheit solcher Orte erkennen kann, finde ich sehr beeindruckend.

Der Strand ist vielleicht 20m lang und grenzt direkt an türkisfarbenes Wasser, das zum Meer hin immer dunkler wird. Die Bucht ist von Felsengruppen eingeschlossen, die uns vor den großen Wellen des Meeres schützten. Und außerdem bewahrte es mich vor der Angst, einer der Schüler*innen könnte aus Badelust ins Wasser springen und aufs Meer hinaustreiben.

Nachdem wir die Schönheit in uns aufgenommen hatten, fingen wir an Müll einzusammeln. Plastik in den schwarzen und Glas in den blauen Sack. Trotz des Regens hat die Arbeit dem Anschein nach Spaß gemacht und wir haben wirklich sehr viel eingesammelt.

Doch auch hier erkannte ich Symptome, wie Niklas, der die ganze Zeit mit seinem Müllsack herumrannte und rief: ‘Eine Spende bitte! Eine Spende!’

Doch das war schnell vergessen, als wir unsere Funde im Sand ausbreiteten, um ein Foto zu machen. Auch hier muss ich das Verhalten einer Schülerin protokollieren.

Kira M. weigerte sich sehr rebellisch ihren Sack auch auszuleeren, mit der Begründung: ‘Dann müssen wir den ganzen Kleinscheiß doch wieder einsammeln, was für ein Schwachsinn!?’

Ist sie gefährlich oder einfach die Einzige, die nachgedacht hat?

Doch auch so war zu sehen, wie viel wir in der kurzen Zeit gesammelt hatten. Taustücke, Netze, Verpackungen und jede Menge anderer Müll lagen dort zu unseren Füßen im Sand. Niki sagte schockiert: ‘Gestern dachte ich auf den ersten Blick, dass der Strand sauber ist und jetzt haben wir doch so viel gefunden.’ Wie Recht er doch hat.

Sogar der Rückweg blieb nicht ohne Vorfälle. Tati begann kreischend einen Golfplatz (Justus, einer der Patienten bat mich, den Golfplatz zu erwähnen, damit sich meine Eltern freuen!) hinunter zu springen und zu rennen, gefolgt von anderen Schüler*Innen. Sie taten dies scheinbar völlig ohne Grund. Was wollen sie mir damit sagen?

Zurück am Schiff, hatten die Jugendlichen einen freien Landgang, den beinahe alle nutzten, um ein letztes Mal ihre Eltern zu kontaktieren, bevor sie isoliert werden.

Erneut verhielten sich manche der Patienten nicht sonderlich nachvollziehbar, indem sie 6$ für ein Sandwich ausgaben.

Einige wenige blieben auch am Schiff und arbeiteten an Präsentationen oder schliefen sich aus.

Nach dem Abendessen unternahmen Helena und Theresa eine gemeinsame Therapiestunde, in der sie in Theresas Bett gemeinsam ‘Mindreader’ weiter hörten. 

Sogar kurz vor dem Einschlafen, musste ich noch auffälliges Verhalten feststellen, als Justus und Helena während eines Gespräches anstatt in ihren warmen und weichen Betten, im Flur auf dem kalten und nassen Boden einschliefen.

Aber, um Sie nichts ahnende Mitlesende mal zu beruhigen, ich habe meinen Job hier am selben Tag noch gekündigt, weil die Kinder nach meinem Fachwissen nicht verrückt sind.

Sie sind sehr glücklich hier zu sein und in gesunder Vorfreude auf Zuhause. Also packen Sie die Zwangswesten wieder ein und die Taschentücher aus, die Heimreise hat begonnen.

Jetzt ganz liebe Grüße an meine Freunde und Familie Zuhause. Ich bin kerngesund und kann es kaum erwarten euch wiederzusehen. Ein bisschen crazy simma trotzdem alle hier, aber so soll es doch sein.

Kann bitte jmd. Paul alles Gute nachträglich zum Geburtstag ausrichten? Jetzt nochmal so ganz offiziell:) Ich drück ihn und euch alle ganz fest und freu mich euch in wenigen Wochen in die Arme zu schließen
Alles Liebe, Eure Lena

P.S. Meine Lieben, tut mir leid, dass ich euch nicht alle vor dem Atlantik erreicht habe, aber macht euch keine Sorgen, was wir einmal schaffen, schaffen wir auch ein zweites Mal. Ich hoffe, Maxi hat euch die schönen Grüße ausgerichtet. Ich wünsche dir viel Glück bei deinen Prüfungen Elena, bald hast du’s geschafft Mama und Papa, euch viel Spaß und einen guten Schwung in Griechenland. Maxi und Hannah ich hoffe ihr passt gut auf Martin und Patty auf. Bestellt auch den beiden liebe Grüße. Hab euch alle lieb 

P.P.S. von Sinan: Schöne Grüße an Hugo und Gretchen ich vermisse euch.

P.P.P.S  von Louiz: Viele Grüße an Mari und alles Gute zum Geburtstag!

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