Ocean College

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Pläne sind zum Ändern da

Datum: 9. April 2019
Autorin: Marlen
Position: Auf dem Weg nach Brest
Nautische Position: 44°15.4N; 19°10.8W
Etmal: (total) 12604

Der Plan für unsere Ankunft, der die letzten sechs Monate fest stand, hat sich heute für uns geändert. Doch dazu später mehr, denn in den nächsten Tagen wird sich für uns einiges ändern. In vier Tagen kommen wir an, dann ist Ocean College 2018/19 zu Ende und es gibt vieles, was wir vermissen werden, aber natürlich freuen wir uns schon riesig auf zuhause.

Es fängt beim Frühstück an, zum dem ich heute seit Längerem mal wieder aufgestanden bin. Diesen Luxus, geweckt zu werden und dann entscheiden zu können, ob man noch ein paar Stündchen weiterschlafen möchte, werden wir daheim nicht mehr haben. Und vielleicht werden wir das übersüße Müsli oder das Marmeladentoast, das uns inzwischen schon zum Hals raus kommt, vermissen.

Wir werden zu Hause unser gesundes Müsli löffeln und uns an das Frühstücksschlachtfeld an Bord erinnern.
Dafür freue ich mich schon darauf, endlich wieder normal eine Tür öffnen und schließen zu können, ohne dass ich mich mit vollem Gewicht dagegen lehnen muss, oder sie einem direkt entgegenfällt.

Und ich sehne die Nächte herbei, in denen man in seinem Bett nicht mehr dauernd von der einen zur anderen Seite rollt und kaum ein Auge zu bekommt. (Hier zählt Schlafen fast schon als Sportart.)

Ich freue mich darauf, endlich mal wieder richtig saubere Wäsche zu haben, denn hier wird (für mich heute zum letzten Mal) alles zusammen bei 30 Grad gewaschen, egal ob bunte, rote, helle, dunkle oder Kochwäsche.
Außerdem warte ich sehnsüchtig auf ein sauberes Bad, das größer als ein Quadratmeter ist.

Bei der Badezimmerbenutzung werden wir alle ziemlich komische Angewohnheiten mitbringen. Es wird dauern, bis wir nicht mehr vor jedem Toilettengang spülen, um zu testen, ob das Klo verstopft ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass einige von uns Luftsprünge machen werden, wenn wir wieder mehr als nur drei Stück Klopapier benutzten dürfen.

Man muss außerdem endlich nicht mehr im Sitzen duschen, weil man erstens wieder unter die Dusche passt und zweitens nicht alle drei Sekunden umkippt.

Daheim sitzt auch niemand im Wohnzimmer, um Wasser wegzuwischen, das sich immer wieder in einer Ecke unterm Tisch aus mysteriösen Gründen sammelt. Niemand sitzt bis spät abends im Wohnzimmer und stöhnt, weil er schon wieder drei Tage hinterher ist mit Tagebuch-Schreiben, niemand wird jeden Tag die Toiletten putzen, niemand wird fragen: „”Gibt‘s schon Seconds?“”, weil man einfach so viel essen kann bis man platzt.

Darauf freue ich mich schon besonders, sich einfach mal an Kuchen satt essen zu können. Aussagen wie „”wenn ich daheim bin, back ich mir ein ganzes Blech Brownies und esse es ganz alleine“!” habe ich inzwischen schon von mehreren Leuten gehört.

Außerdem kann man zu Hause ganz gesittet mit Messer und Gabel essen, weil man den Teller nicht krampfhaft fest halten muss, damit die Nudeln nicht den Abgang machen. Trotzdem kommt es hier häufig genug vor, dass sich die Nudeln über den ganzen Tisch ergießen.

Und natürlich freue ich mich auf Dinge, die hier an Bord einfach aus logistischen Gründen nicht möglich sind, wie Fahrradfahren oder Tanzen!

Aber es gibt auch einiges, dass ich sehr vermissen werde:

Die täglichen vier Stunden Wache zum Beispiel, wenn man einfach mal vier Stunden in der Sonne rumstehen, auf die Wellen gucken und die Zeit an der Seeluft genießen kann. Daheim nimmt man sich viel zu wenig Zeit, um mal nichts zu tun und einfach mal die Nase in den Wind zu halten. Astrid Lindgren hat das, finde ich, sehr treffend formuliert: „”Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, um einfach nur so dazusitzen, um zu schauen.“”

Das Segeln und die Geräusche der Wellen werde ich vermissen, die gemeinsamen Shanty-Abende, die frische Seeluft, das Aloft gehen und ganz alleine 30 Meter über dem Meeresspiegel zu sitzen und soweit gucken, bis der Horizont endet.

Ich werde mich auch danach sehnen, 24/7 in Gummistiefeln rumlaufen zu können, denn über die Zeit habe ich gemerkt, wie praktisch das ist.
Ganz besonders werde ich aber die Leute hier vermissen, die Crew und unsere Gemeinschaft, der Zusammenhalt an Bord und die Tatsache, dass jeder so akzeptiert wird, wie er ist.

Keiner wird komisch angesehen, wenn er drei Tage in Jogginghose rumläuft oder seit fünf Tagen nicht mehr geduscht hat, weil der letzte Duschtag verpasst wurde oder wenn man vom vielen Kartoffelschälen verrückt geworden ist und versucht, mit der riesigen Kartoffel zu telefonieren.

Niemand findet es komisch, wenn man sein Essen aus Versehen umkippt, denn hier kann das echt jedem passieren, auch dem Kapitän. Niemand (abgesehen von den Lehrern vielleicht) interpretiert gleich zweideutige Dinge hinein, wenn man ganz dicht aufeinandersitzt, weil die Schräglage stärker war als man selbst.

Keiner schaut dich schief an, wenn man beim Deckputzen laut Bibi Blocksberg singt und auf dem Besen reitet, anstatt damit den Boden zu schrubben. In den sechs Monaten sind wir zu einer großen Familie zusammengewachsen und ich werde jeden Einzelnen vermissen.

Diese Momente, wenn man abends gemeinsam in der Messe sitzt und sich lustige Geschichten erzählt, zur Gitarrenmusik singt oder sich zu viert um einen Laptop quetscht und gemeinsam High School Musical schaut. Das ist das, was Ocean College einzigartig macht!

In die verschiedensten Länder reisen kann jeder, aber Schule auf dem Schiff ist eine ganz andere Nummer.

Den Unterricht hier werde ich nie vergessen: Wie wir unseren ersten Mathetest geschrieben haben während die Pelican in die Karibik einfuhr, wie Miriam unsere erste Biostunde wegen Seekrankheit abgesagt hat, wie wir unsere Reisetexte in Deutsch vorgetragen haben oder als Niklas seine zweistündige Präsentation über Feuerwerk gehalten hat, wie manche halb schlafend im Unterricht saßen und gegen das Kotzen angekämpft haben, wie wir in den Pausen kurz runter zur Waschmaschine gelaufen sind oder extra Pausen gemacht wurden, um die Delfinschulen zu beobachten, die an uns vorbei geschwommen sind.

Der Unterricht war einzigartig und unsere Lehrer*innen auch, oder wer kann schon behaupten, mit seinen Lehrer*innen eine Kissenschlacht veranstaltet zu haben? Wer hat schon mit seinem Lehrer Salsa getanzt oder die Reste vom Abendessen aufgegessen, weil die Deutschlehrerin schon satt war? Wer begegnet seinen Lehrer*innen schon im Schlafanzug, hat sie schon mal kotzen gesehen oder redet mit ihnen über zukünftige Beziehungen? Unsere Lehrer *innen sind echt einzigartig und wunderbar und ich werde sie sehr vermissen.

Was mir auch fehlen wird, ist die Spontaneität dieser Reise. Man kann mit dem Schiff einfach überall hinfahren, wohin man möchte oder einfach mal die Uhr um eine Stunde zurückstellen, wann es einem gerade passt. Oder aber, man ändert einfach mal fix den Ankunftshafen, weil man es sonst nicht mehr rechtzeitig schafft, so wie wir. Anstatt Boulogne fahren wir jetzt Brest an. Tja, Pläne sind zum Ändern da, das haben wir auf dieser Reise definitiv gelernt. 

Jetzt genießen wir die allerletzten Tage dieser Reise! Ich werde heute Abend zu meiner allerletzten Nachtwache als White Watch gehen. Die Wachen mit Anousch werden mir immer in Erinnerung bleiben! Aber noch ist es zu früh um traurig zu sein, denn es gibt noch viel zu tun.

Ich möchte noch die fehlenden Prüfungen zum Watch Leader ablegen, letzte Briefe müssen geschrieben, Souvenirs und Mitbringsel gebastelt, Bilder rübergezogen, Mail-Adressen gesammelt werden und so langsam sollten wir anfangen zu packen… Die letzten Tage werden sehr ereignisreich, vor allem wegen des Handovers, das für mich noch ansteht.

Bei all den Sachen, auf die ich mich daheim freue, habe ich das Wichtigste vergessen: Meine Familie und meine Freunde. Ich kann es kaum erwarten, euch in wenigen Tagen wieder in die Arme schließen zu können und euch ganz viel zu erzählen. Ich hab euch lieb, bis bald! Und für meine Familie hoffe ich, dass es für euch nicht all zu viel Stress bedeutet, dass wir jetzt in Brest ankommen, anstatt in Boulogne.

2 comments

  1. Avatar

    Uta Gloeckner - 11. April 2019 12:10

    Ein toller Tagesbericht
    Wir verfolgen Eure Reise freudig, interessiert und emotional.
    Freuen uns mit Euch und Euren Eltern.
    Ein echtes Abenteuer
    Mama von Matthias OC 17/18

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  2. Avatar

    Rauner - 11. April 2019 14:20

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