Ocean College

From the Blog

Schönes Wetter auf dem Ozean

Was macht ein Lehrer in seinen Ferien?

Datum: 05.04.2019
Autor: Johannes
Position: Auf dem Weg nach Boulogne
Nautische Position: 41° 0.6’ W; 29° 53.9’ N
Etmal: (total) 11978 nm

Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei – auch ich selbst habe schon solche Sprüche über Lehrer gerissen.

Jetzt sitze ich mit 30 Schüler*innen auf der Pelican of London und vor einer Woche war es dann so weit: Am vergangenen Samstagnachmittag standen wir vier Lehrer*innen zum letzten Mal in einer Unterrichtssituation vor unseren Schüler*innen.

Plötzlich fiel einiges an Druck von mir ab: Keine Unterrichtsstunden mehr vorbereiten, keine Überlegungen, wie Prüfungen im Schiffsalltag Platz finden können, keine spontanen Recherche-Aktionen, sobald Internet verfügbar war, keine nächtlichen Bastelaktionen für die nächste Geschichts- oder Physikstunde.

Die Zeit in Horta war eine willkommene Pause, bevor wir auf zum letzten Abschnitt der Reise aufgebrochen sind. Einfach mal in einem Café sitzen, ein Buch lesen, morgens eine Runde Joggen gehen waren in der letzten Zeit lang erträumter Luxus. Doch meine Kraftreserven waren schon bald wieder gefüllt und die Vorfreude auf die letzte Überfahrt stieg.

Auch wenn wir uns quasi in die Ferien verabschiedet haben, stehen noch einige Aufgaben aus.

Gerade schreiben wir an den Notenblättern und Zeugnissen, die alle Schüler*innen erhalten werden, nebenbei laufen die Vorbereitungen für die Feedbackgespräche.

Alle Schüler*innen konnten sich aussuchen, welche*r Lehrer*in das finale Feedbackgespräch führen sollte, dementsprechend bereiten wir uns alle vor und staunen darüber, wie sich unsere Schüler*innen seit Beginn der Reise verändert haben.

Gerade habe ich mit Anousch, unserer zweiten Offizierin über einige Schüler*innen gesprochen und im Gespräch sind uns wieder einmal Entwicklungen und Wachstum aufgefallen, das uns vorher nicht bewusst war.

Das ist auch eine Bestätigung für die Arbeit aller Beteiligen auf diesem Schiff, da wir jetzt die Früchte dieser Arbeit sichtbar machen können.

Seit Horta habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, in einer Wache mein Segelwissen weiter auszubauen.

Als Lehrer war dazu bisher nur begrenzt Zeit, jetzt kann ich umso mehr die volle Portion Schiffsroutine genießen und von meinen Schüler*innen, die deutlich mehr Segelwissen haben als ich, lernen.

Wie zu Beginn der Reise habe ich mir die 0:00 – 04:00 Uhr Wache ausgesucht.

Am gestrigen Tag, meinem ersten Tag nach der Wache, konnte ich die müden Gesichter in der Schule gut nachvollziehen, mein Schlafrhythmus war vollkommen durcheinander und ich verbrachte den restlichen Teil des Tages entweder schläfrig in der Messe oder in meiner Bunk in der Foc’s’le.

Dafür ging es heute schon viel besser und der heutige Tag war überraschend schön, nachdem wir im Rückseitenwetter eines Tiefdruckgebiets segelten.

Am Nachmittag riss plötzlich der Himmel auf und wir segeln über blaue Unendlichkeiten im Sonnenschein. Nach einer spontanen Yogasession in der Sonne trägt die Galley-Duty unter der Leitung von Theresa und Lauryn zum perfekten Abend bei: Es gibt Döner!

Gefülltes Pitabrot mit mariniertem Fleisch, Salat, Blaukraut, Zwiebeln, Tomaten und Joghurtsoße – ein Traum, der schon auf meiner Liste an Dingen stand, auf die ich mich nach der Reise freue.

Wenn ich etwas in den letzten Tagen gelernt habe, dann ist das Geduld.

Meine Fähigkeiten am Steuerrad waren anfangs von großen Schlangenlinien geprägt. Mittlerweile habe ich verstanden, dass es Geduld braucht und ich warten muss, bis das Schiff auf eine Rudereinstellung reagiert.

Nachdem ich vorher noch nicht viel bei Segelkommandos eingebunden war, lerne ich jetzt mehr und mehr die Zusammenhänge zu verstehen. Das bedeutet aber auch, dass mein Handgriff einer von vielen ist und ich unter Umständen warten muss, bis meine Aktion gefragt ist.

Nicht zuletzt sind heute zwei für mich essentielle Dinge kaputt gegangen: die Watertight Door, die von der Foc’s’le zur Messe führt und das Klo in der Foc’s’le.

Das bedeutet, dass ich jedesmal, wenn ich in die Messe möchte und jedesmal, wenn ich aufs Klo gehen muss, mein gesamtes Ölzeug, Gummistiefel und Harness anziehen muss, um übers Deck zu laufen.

Wenn ich dann verzweifelt in meiner Bunk liege und aufs Klo muss, dann denke ich mir: Johannes, hab Geduld! Dann schnaufe ich tief durch und fange an, mich anzuziehen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: