Sonnenuntergang

Schiff: Johann Smidt
Datum: 19.04.2026
Geographische Position: Von Scheveningen aus nach ganz Deutschland und Luxemburg
Etmal: 60sm

Ein absolutes Naturspektakel, das jeden Tag passiert: Der Sonnenuntergang. Gestern haben wir genau dieses Kunstwerk betrachtet. Wir alle lagen und saßen auf dem Dach des Seegartens und haben diesen dramatischen Abschied der Sonne beobachtet. Das war der Anfang einer ganzen Serie von Verabschiedungen.

Denn am nächsten Tag, heute, ist der letzte Tag eines großen Abenteuers, dass vor sechs Monaten in Scheveningen begonnen hatte. Die Johnny lief langsam und majestätisch mit den Flaggen aller Länder ein, in denen sie im letzten halben Jahr gewesen war. An Deck stand die ganze Besatzung. Vor sechs Monaten waren es noch Jugendliche gewesen, die noch kaum etwas von der Welt und von sich gesehen haben.

Jetzt sind es Seeleute, die Stüme abgewettert und Flauten ausgehalten haben. Es ist eine Crew, die zusammen so unglaublich viel erlebt und so viele Länder gesehen hat. Es sind junge Erwachsene, die das Leben kennengelernt haben und aufgestanden sind, um Verantwortung zu übernehmen.

Jetzt ist diese enge Gemeinschaft plötzlich vorbei. Wie beim Sonnenuntergang, bei dem man denkt, es dauert noch lange, bis die Sonne weg ist und es dann doch sehr viel schneller geht. So fühlten sich die letzten Tage an, eine kurze Ewigkeit. An der Pier in Scheveningen trennten sich dann unsere Wege. Wege, die die letzten sechs Monaten dieselben gewesen sind.

Vom Ankommen in Scheveningen, der Verabschiedung, dem ersten Sturm, Brest, Marokko mit seiner Kultur, Teneriffa, Cap Verde mit einem Dorf, was wie am Ende der Welt war, die lange Atlantiküberquerung, Martinique, die Karibik mit den San Blas Inseln, Panama und Costa Rica, dort die Bri Bris, die Kaffefarm, die Spanischschule, und die Expitage, danach wieder mit dem Schiff nach Providencia und Kuba, herrliche Segeltage bis Bermuda, dann die zweite Atlantiküberquerung bis auf die Azoren, von dort nach Cherbourg und nach Paris und schließlich wieder Scheveningen, Ankommen nach so vielen Erlebnissen und so vielen Erfahrungen. 

Jeder von uns hat in dieser Zeit verstanden, was für eine Aufgabe er in unserer Gemeinschaft hat und dass er ganz persönlich ein Opfer bringen muss, damit die gesamte Gemeinschaft funktioniert. Diese Crew, wir, werden für immer von unserem Zusammenleben geprägt bleiben. Von dem Gefühl, wie es ist, wenn jemand einem bei der Backschaft hilft, man in den Arm genommen wird, weil es einem nicht gut geht, oder auch, wenn es einem gut geht, oder aber auch einfach so.

Wir haben zusammen Segel gesetzt und geborgen, gefaltet  und repariert, wir sind gemeinsam Manöver gefahren, wir sind zusammen in einem Bus gereist und haben vieles von der Welt gesehen. Wir haben diskutiert und debattiert , wir haben uns gestritten und wir haben uns wieder versöhnt. Und nun ist es vorbei. 

Die Crew legt mit der Johnny an und eine Gangway wir ausgebracht, es gibt einige Reden und drei Lieder , dann geht jeder einzeln von Bord und verlässt über die Gangway einen kleinen Kosmos und geht wieder zurück in die alte Heimat. Jeder wird in die Arme geschlossen und Tränen fließen. Aber schnell, ziemmlich schnell müssen die  ersten weiter. Es kommt zum Abschied und eine kleine Welt geht auseinander.

Aber das Schöne an einem Sonnenuntergang ist, dass nach ihm auch ein Sonnenaufgang kommt. Wir werden uns alle bald wiedersehen und wir werden das, was wir auf der Reise gelernt haben, fortsetzen und ausbauen.

Ocean College war nur der Anfang von einem Leben in einer ganz anderen Realität. Das, was wir hier gelernt haben, haben die alten Lateiner in die zwei Worte, Carpe diem, lebe den Tag zusammengefasst und das, was sie schon damals versucht haben, setzen auch wir um.

Wir wissen, was es heißt, das Leben zu leben und die Gelegenheiten des Tages zu nutzen, Abenteuer zu erleben. Wir sind Seeleute geworden, die sich selber helfen können und sind somit vielen in unserer Generation etwas voraus. Wir sind OCler, eine kleine Gruppe, die etwas vom Leben will. Diese Reise hat unser Leben verändert.

Danke Ocean College für dieses Projekt, Danke an unsere Eltern, das ihr uns das ermöglicht habt, danke an unsere Lerrys, dass ihr uns auf der Reise geführt habt, Danke an alle Stammcrews von Clipper, dass ihr uns das Segeln beigebracht habt und Danke an euch, liebe Mitsegler, liebe Freunde. Dass wir eine solche Gemeinschaft geworden sind, war nur möglich, weil jeder von uns über seinen Schatten gesprungen ist. 

Wir sehen uns da draußen beim nächsten Sonnenaufgang, Carpe Diem und Ahoi, Nepomuk Schneider

Willkommen zu Hause!!!
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