Was ich wertzuschätzen gelernt habe

Schiff: Roald Amundsen
Datum: 11.03.2026
Position: 37°15,8’N 051°24,4’W
Kompass Kurs: 100
Etmal: 150 sm
Durchschnittliche Geschwindigkeit: 6,2 kn

Auf dem Schiff merken wir langsam, dass sich die Reise dem Ende zuneigt. Nur noch ein Stop und dann geht es nach Hause. Die letzten sonnigen Tage haben begonnen und man fängt an, sich Gedanken darüber zu machen, wie das Leben zu Hause nach dieser Reise weitergehen wird.

Wie leicht wird es uns fallen, wieder in den Alltag zurückzufinden? Passen wir da überhaupt noch rein? Oder haben wir uns zu sehr verändert und müssen unseren Platz erst neu suchen? All das sind Dinge, die uns durch den Kopf gehen.

Ich persönlich möchte nach der Reise anfangen zu studieren, wobei mir das Reisen so viel Spaß macht, dass ich das auch gerne noch länger machen würde. Ich plane gerade – von einem Segelschiff mitten auf dem Atlantik – mein Leben zu Hause.

Ich habe mir eine Liste mit all dem Essen geschrieben, das ich zu Hause kochen möchte. Und generell merkt man auf dem Schiff, dass sich alle langsam auch wieder auf zu Hause freuen. Klar, hier ist es richtig toll, aber sechs Monate sind einfach eine lange Zeit. Deshalb drehen sich mittlerweile immer mehr Gespräche um zu Hause.

Und da ich gemerkt habe, dass es eher kontraproduktiv ist, sich über zu Hause zu unterhalten, wenn man die Zeit hier genießen möchte, habe ich eine Liste geschrieben. Diese handelt von lauter Dingen, die ich auf dem Schiff wertschätze oder für die ich hier dankbar bin.

Einfach, um mir und euch zu zeigen, wie schön es sein kann, auf diesem Schiff zu leben.

Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge

Die Ruhe an Deck von 8 bis 11

Wenn jemand frisch geduscht hat und so gut riecht

Wenn jemand nach dem Essen mein dreckiges Geschirr mit wegräumt

Frischkäse

Dass man gezwungen ist, früh aufzustehen und somit etwas vom Tag hat

Komplimente fürs Wecken zu bekommen

Gute Musik in der Backschaft

Dass sich jeder Tag wie auf einer Freizeit anfühlt

Als Kilian mir abends nach der Wache ein Müsli hergerichtet hat, weil er wusste, dass ich noch eins essen möchte

Die Minuten nach dem Kotzen wegen Seekrankheit, in denen es einem einfach richtig gut geht

Wenn jemand sich freiwillig für Ruder und Ausguck meldet

Wenn die Milch einen Deckel hat

Wenn einem auf dem Sitzsack Platz gemacht wird

Warmes Abendessen

Gut geschnittene Brotscheiben

Wenn Peer Horn spielt

Gemüse zum Abendessen

Waschtag

Wenn man die Motivation findet, selbst zu duschen

Wenn das Deck trocken ist

Nutella (auch das selbstgemachte)

Wenn man die Welle rechtzeitig sieht und sich wegdrehen kann

Wenn es einem nicht gut geht und jemand kommt, der sich kümmert

Obstsalat

Der Sternenhimmel

Delfine

Die Ruhe, in der man nur die Wellen hört

Unter allen Segeln zu segeln (so wie heute)

Wenn man keine Backschaft hat

Wenn Anton, Karl und Mateo abspülen müssen

Wenn man Reinschiff Deck hat, es aber regnet oder das Deck nass ist

Wenn man vor dem Wachwechsel nochmal schaut, ob alle da sind und gegebenenfalls nochmal nachweckt

Wenn einem der Kopf gekrault wird

Wenn man mit Kuli bemalt wird

Abends Shantys zu singen

Die Liste ist deutlich länger geworden, als ich erwartet hätte. Manchmal konzentriert man sich einfach viel zu sehr auf die negativen Dinge und verliert dabei all das Positive aus den Augen. Sich dann bewusst hinzusetzen und die kleinen Momente wertzuschätzen, hat mir extrem geholfen.

Gleichzeitig ist mir noch einmal mehr bewusst geworden, dass diese Reise nicht ewig dauern wird. Bald laufen wir im Hafen in Amsterdam ein und können unsere Familien wieder in die Arme schließen. Das wird ein wunderschöner Moment sein, aber auch einen sehr traurigen Abschied bedeuten.

In der nächsten Zeit werden wir das letzte Mal Delfine sehen, ein letztes Mal den Sonnenuntergang genießen und ein letztes Mal auf dem Deck kuscheln.

Diese unglaublich prägende Zeit ist bald vorbei, und ich möchte sie noch so gut es geht genießen. Denn so sehr ich mich auf zu Hause freue, so schön ist es doch auch, was ich hier erleben darf.

Nach oben scrollen