Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? – Von Zeitzonen und Zonenzeiten–> zweiter Tagesbericht vom 30.12.2025

Schiff: Johann Smidt
Datum: 30. Dezember 2025
Position: 11° 38,4’ N, 74° 21,2’ W (Karibisches Meer, vor Kolumbien)
Etmal: ~800 sm seit Bequia
Wetter: Herrlich! (Luft & Wasser 27 °C, Barometer 1013 hPa, Wind ENE 4 Bft.)

Liebe Freunde der Seefahrt!

Seit unserem letzten Ankerstopp in der Admiralty Bay vor Port Elisabeth, wo wir auf der schönen Insel Bequia Weihnachten unter Palmen feierten, trägt uns die Johann Smidt, vom stetigen Passatwind getrieben, westwärts durch das herrlich warme Karibische Meer in Richtung des San-Blas-Archipels.

Als Gäste der dort einheimischen Kuna-Indianer wollen wir drei Tage durch diese wundervolle und einmalige Inselwelt vor der Küste Panamas kreuzen.

Vor der bevorstehenden Silvesternacht auf See, die wir übermorgen gebührend feiern werden, steht heute Nacht noch ein besonderes Ereignis an, nämlich der Übergang von einer Zeitzone zur nächsten. Was hat es damit auf sich?

Da wir westwärts dem Sonnenuntergang entgegen segeln, eilen wir ja dem Sonnenaufgang davon und unsere Tage an Bord werden immer um ein paar Minuten länger. Das führt dazu, dass die große Schiffsuhr, die in der Messe der Johann Smidt hängt und uns die Bordzeit angibt, dem Stand der Sonne mehr und mehr vorauseilt; sie zeigt also schon die Mittagsstunde, obwohl die Sonne noch gar nicht ihren höchsten Stand erreicht hat.

Über 15 durchsegelte Längengrade aufsummiert, beträgt dieser Unterschied genau eine Stunde. Um nun diese täglich zunehmende Ungenauigkeit auszugleichen, werden wir die Uhr heute Nacht um eine Stunde zurückstellen, sodass unsere Bordzeit wieder der lokalen Zonenzeit entspricht.

Dieses Ereignis ruft einem jene seltsame Tatsache ins Bewusstsein, die die Menschen erst spät begriffen haben: Die Uhrzeit ist an den verschiedenen Orten der Welt nicht die gleiche. Das liegt daran, dass der Erdball rund ist und sich im Angesicht der Sonne um sich selbst dreht, ein bisschen so, wie ihr im fernen, winterlich kalten Deutschland, wenn ihr zu Hause vor dem heimeligen Kaminfeuer Pirouetten dreht.

So wie ihr euch nicht von allen Seiten gleichzeitig wärmen lassen könnt, kommt die Mittagsstunde, in der man der Sonne genau zugewandt ist, für die Bewohner der unterschiedlichen Erdteile zu verschiedenen Zeiten.

Fernando Magellan hat, mit seiner Flotte westwärts segelnd, bei seiner Weltumrundung 1519–1522 so einen vollen Tag verloren. Dies bemerkend, rieb sich als Erster sein Navigator verwundert die Augen, als er bei der glücklichen Wiederkehr nach drei Jahren die in seinem sorgfältig geführten Logbuch mitgezählten Tage mit dem Datum an Land verglich.

Zu seiner Zeit, vor nunmehr 500 Jahren, wurde die Erkenntnis der unterschiedlichen Zeitzonen als eine Sensation gewürdigt, etwa so wie vor 100 Jahren Einsteins berühmte Relativitätstheorie, nach der die Zeit ja auch vom Beobachter abhängt.

Dem britischen Gentleman und Philanthropen Phileas Fogg jedoch gereichte die Tatsache der verschiedenen Zeitzonen zum entscheidenden Vorteil: Nur dadurch konnte er nämlich im Jahre 1872 seine wagemutige, schon verloren geglaubte Wette doch noch glücklich gewinnen. Da er seine berühmte Weltumrundung ostwärts vollführte, wurden die Tage seiner Reise verkürzt. So gewann er unbeabsichtigt einen Tag dazu und kehrte nach nur 79 Tagen Londoner Zeitrechnung dorthin zurück, einen Tag früher, als er gewettet hatte. Wer das nicht glaubt, möge es gerne in Jules Vernes „Reise um die Welt in 80 Tagen“ nachlesen.

So erfahren und erleben wir auf unserer großen Seereise mit der Johann Smidt die Erkenntnisse der alten Weltreisenden Fernando Magellan und Phileas Fogg. Und, Hand aufs Herz, wer von euch möchte nicht auf ihren Spuren die Welt umrunden?

Dies schrieb euch
Robert (Steuermann)

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