Ein Tag als Seekranke

Schiff: Johnny
Datum: 04.11.2025
Position: irgendwo kurz nach Brest
Nautische Position: 47°46,7’N 006°21,9’W
Etmal: 88 sm
Total: 803 sm

Da wir nun seit bald 24 Stunden wieder die hohe See erobert und Brest hinter uns gelassen haben, stellt sich hier nun wieder das gewöhnliche Bild des Bordalltages her: Die Kojen sind überbesetzt, dafür erscheinen neben der Stammcrew nur wenige zum Essen und die Wachen werden auch mal von nur drei tapferen Helden gewuppt (im Normalfall so ca. neun).

Da ich leider auch zu denen gehöre, die sich gleich nach dem Ablegen in ihre Betten gerettet haben, kann ich auch nicht unbedingt so vieles über die letzten Stunden berichten. Deshalb hier jetzt wahrscheinlich der erste Tagesbericht, der unter der Bettdecke verfasst wurde:

Stell dir vor, es ist 06:00 morgens. Du liegst eingekeilt zwischen dem Rausfallschutz und der Wand in deinem Bett, vom ersteren hast du schon mehrere schmerzhafte blaue Flecken an deinen Schienbeinen, die wohl von sehr heftigen Wellen in der Nacht stammen müssen, die dich in Richtung Zimmermitte gedrückt haben.

Rotes Licht scheint dir ins Gesicht, jemand rüttelt an deinem Bein und flüstert deinen Namen. Nun gibt es zwei mögliche Varianten: Entweder es folgt der Satz „Aufwachen, du hast in einer halben Stunde Wache“, oder „Aufwachen, du hast heute Backschaft“. Beides lässt dich aufstöhnen, bei mir war heute aber Letzteres der Fall.

Wenn man schlau war, hat man sich schon am Vorabend die Klamotten herausgelegt, um nicht vornübergebeugt nach ihnen in den Schubladen wühlen zu müssen, oder hat erkannt, dass Schlafklamotten völlig überflüssig sind. Aber selbst das Anziehen der Socken in Rückenlage ist mit Seekrankheit eine echte Höchstleistung.

Bewaffnet mit deinem neuen Lieblingskuscheltier, der Kotztüte, versuchst du, dich aus dem Zimmer zu kämpfen, dich also mit der einen Hand immer irgendwo festzuhalten, mit der anderen die Türklinke zu bedienen (was wirklich komplizierter ist, als es klingt, weil der Seegang immer gegen dich arbeitet, als ob jemand auf der anderen Seite der Tür immer das Gegenteil von dir erreichen will) und auf dem nassen Ölzeug, das jeder einfach nur noch entkräftet auf den Boden schmeißt, nicht auszurutschen.

In der Messe angekommen, brauchst du erstmal eine Verschnaufpause und legst, in der Hoffnung, dass der Schwindel verfliegt, deinen Kopf auf den Tisch.

Als Teil der Backschaft diskutierst du erstmal, für wie viele Personen du überhaupt decken musst und wie viele es gar nicht aus ihrem Bett schaffen werden und breitest „Elefantenhaut“ auf den Tischen aus. Auch so ein Begriff, an den wir uns hier schon total gewöhnt haben, bei dem es sich aber nur um rutschfesten Stoff handelt, der verhindern soll, dass etwas vom Tisch fliegt.

Ich will es nicht weiter ausführen, aber die Essensvorbereitungen werden auch einige Male durch das Zuwenden zu deiner Lieblingstüte unterbrochen und die guten fünf Minuten danach versuchst du, produktiv zu nutzen. Oftmals kommt dann der Punkt, an dem du aufgibst und dich entweder in deinem Bett oder auf den Bänken in der Messe für die nächsten Stunden nicht mehr vom Fleck bewegst.

Ja, die Zeit dort ist ziemlich unaufregend. Wenn du Glück hast, verschläfst du die meiste Zeit, und zwischendurch wird das durch das Auftauchen neuer Seekranker, die Lockversuche zu Mahlzeiten oder Wachen oder Gespräche über deinen neuen Kotzcounter und deine weiteren Essenspläne unterbrochen.

Und ansonsten fragst du dich, wie es kleine Kinder schön finden können, beim Einschlafen herumgeschaukelt zu werden.

Mit ganz viel Motivation schaffst du es vielleicht auch mal an Deck oder in den Seegarten und siehst den Grund, warum es unter Deck so stark schaukelt. Vielleicht stellt sich beim Blick auf den Horizont aber sogar etwas Besserung ein.

Ja, und irgendwann ist der Tag dann auch schon wieder rum – meistens, ohne dass du es geschafft hast, mal Zähne zu putzen, vernünftig zu essen oder beim Bordalltag behilflich zu sein. Einfach nur mit der Hoffnung, dass es bald besser wird.

P.S.: 

An alle besorgten Eltern und vielleicht zukünftige Ocean-College-Teilnehmer:
Das ist das, wovor uns Johan wahrscheinlich gewarnt hat, aber auch das, was alle Jahrgänge vor uns gemeistert haben. Heute ging es allen im Vergleich zum allerletzten Tag auf See schon viel besser. Und selbst auf dem wahrscheinlich anspruchsvollsten Teil dieser Reise gibt es jeden Tag kleine Highlights – zum Beispiel immer noch die Delfine, die uns fleißig auf unserer Watch begleiten!

P.P.S.: 

Es gibt von heute leider keine Fotos. Ich glaube, mein Bett und meine Füße wären für euch jetzt auch kein schöner Anblick 🙂

Grüße:

Mathilda: Alles gute zum Geburtstag Darius ich hoffe du hattest einen schönen Tag und konntest ihn genießen, ich bin nähmlich wieder Seekrank aber das wird schon wieder hab euch alle lieb
❤️❤️

Klara: Halli Hallo, mir geht es den Umständen entsprechend sehr gut. Ich wurde nicht wieder seekrank und mein Kotzcounter hat sich auch nicht mehr erhöht.
Hab euch alle lieb!!!

Charlotte: Hallöchen an alle. Mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut und ich bin auch nicht mehr richtig seekrank. Ich hoffe euch geht es gut und ich freue mich auf unser erstes Gespräch in Teneriffa. Bis dahin kommt noch eine kleine Postkarte bei euch an ! Hab euch ganz dolle lieb ❤️❤️

Liv: Hallöle ihr lieben auch mir geht es den Umständen entsprechend sehr gut und ich schlage mich nur mit minimalen neben Symptomen der Seekrankheit herum damit hab ich es aber im Vergleich echt ziemlich gut… Momentan stehe ich bei einem Kotz count von 3 –> einmal ging leider in mein Bett.
Ich sage nur Machste Nix wird scho wieder also bis denchen antenchen ihr hört irgendwann wieder von mir.
Ps: bin mir nicht sicher ob mein MP3 Player den Geist aufgegeben hat falls ja sag ich noch mal Bescheid. Und habe leider die Liste mit Geburtstagen vergessen vlt. könnt ihr mir irgendwann eine zu kommen lassen bis dahin werden sie geraten 🙂

Ylva: Ganz viele Grüße an alle! Ich bin zum Glück nicht nochmal Seekrank geworden, mein Kotz-Count ist bei 14 geblieben – Juhu! An meine seelenverwandte Josefa: Ich halte manchmal nach dir Ausschau wenn ich dir was erzählen möchte. Fühl dich dolle gedrückt!

Anne: Halihalöchen, ja, nicht ganz schwer zu erkennen, dass der Tagesbericht mein heutiger Tag war, mich hat die Seekrankheit leider wieder eingeholt, mein Kotzcounter ist jetzt bei 17. Aber es ist wirklich schon viel besser als vorher. Und wir fahren 10 kn schnell!
An Upps: Danke für Ocholine! Sitzt neben Theo in meinem Schuhorgasnizer.
An alle: Tiefpunkte hatten wir hier alle schon, aber mir geht es wirklich gut hier, wir freuen uns alle nur drauf, dass es bald endlich besser / wärmer wird. Ich habe euch ganz doll lieb ❤️❤️
An Mama: Kannst du mir für den ersten Telefoncall nach zu Hause einen Termin mit Stefanie besorgen, dafür sorgen, dass in einem Brief ein neues Säckchen für meine Seifen liegt und du mir unsere Noten für Wonderwall dazutust? Dankeschön!

Nach oben scrollen